Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1885)
- Date
- 1885-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Volkes!" Keiner will es hören, keiner sich seiner erbarmen. Zu Gott beten wir darum, daß er uns begnadige, und er, der Ehrfurchtbare, Heilige, wie Sonnenlicht unser Recht hervorstrahlen lasse. Die Religion der Menschen — so hofften wir — wird unsere Schutzwehr sein! Sie ist's, die das Herz veredelt, den Geist erleuchtet, die Getrennten vereinet, die Feinde versöhnt, den Frieden und die Menschenliebe lehrt, und an Stelle des menschlichen Dünkels und der Ueberhebung Demut und Achtung vor Gottes Ebenbild setzt. Dürfte demnach die mächtig gewordene Tochter der alten Mutter das Leben vergällen, müßte sie nicht in kindlicher Dankbarkeit des Segens und der Wohlthaten gedenken, die das Mutterherz ihr gespendet hat! Steht nicht in den von ihr hochgeschätzten Urkunden das Gebot der Bruderliebe, der Menschen- und Nächstenliebe, steht da nicht geschrieben, den Feind selbst zu lieben, heißt's da nicht: „Seid weder ärgerlich den Juden, den Griechen, noch der Gemeinde Gottes!" Umsonst hat der Mund ihres Religionsstifters das jüdische Gebot der Nächstenliebe wiederholt, umsonst hat die Pflicht der Menschlichkeit für uns geredet — im Namen Gottes hat man unsre Vorfahren verjagt, sie verbrannt, im Namen des Gottes der Liebe hat man Kerker für sie gebaut und die Folter für sie herbeigeschleppt; im Namen Gottes schleudert man Brandreden gegen uns; dort, wo man die Menschen zur Eintracht, zum Frieden, zur Bruderliebe mahnen sollte, hört man Haß, blinden Eifer und schrankenlose Verfolgungssucht reden — und Keiner von den Tausenden der Amtsbrüder — und es sind G. s. D. viele die menschlicher, religiöser denken — hat den Mut die Friedensworte zu wiederholen, welche geistliche Fürsten allezeit für uns gesprochen, im Geiste des großen Reformators für uns einzutreten, der vor 350 Jahren, die seines großen Geistes, der leider in der Beurteilung unseres Volkes auch manchmal den Vorurteilen Raum gab, würdige Ansicht geäußert: „daß man mit den Juden, den Blutsfreunden freundlich handele. Wenn wir sie mit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheidingen um, geben ihnen Schuld sie müßten unser Blut haben und was des Narrenwerks mehr ist, daß man sie gleich den Hunden hält — was sollen wir Gutes von ihnen schaffen thun? Item, wenn man ihnen verbeut zu arbeiten und zu hantieren, da man sie zu wuchern treibt — wie soll sie das bessern? Will man ihnen helfen, so muß man Liebe an ihnen üben und sie freundlich annehmen, sie mit laßen werben und arbeiten." — Wo ist nun diese Liebe? Bei denen am wenigsten, die sie auf den Lippen haben, aber im Herzen das Bubenstück aushecken! Und wenn ihr euch zu der Höhe der Liebe nicht erheben könnt — haben denn die fortgeschrittene Erkenntnis, der Geist freierer Zeiten, ein geläutertes Pflichtbewußtsein gar nichts gewirkt. Stecken wir noch im Mittelalter? an Holz fehlt's nicht zu Scheiterhaufen und an willigen Henkersknechten auch nicht. Auch unsre Hoffnung auf die Religion, auf das, was Menschen so nennen, ist eitel — unsere Hoffnung auf Gott allein möge uns trösten, uns helfen. In unsrer Not hielten wir uns an den vierten Pfeiler, an die Wissenschaft. Wir gedachten des Segens, den sie der Menschheit gebracht, der Freiheit, die sie begründet, des Fortschritts, den sie erzeugt, der Aufklärung, die sie geschaffen, der Menschenachtung, der Würdigung der Arbeit, die sie gelehrt — durften nicht wir, die Sprößlinge eines Volkes, das der Wissenschaft von jeher gedient hat, das in den Tagen des Mittelalters — als die Menschheit in Barbarei und Rohheit versunken war — die Geistesarbeit fast allein gepflegt und erhalten hat, dursten nicht wir, die wir die Weisheit des Orients, den Geist Griechenlands 20*