Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Grammatik, Geometrie, Astronomie, Musik, Geographie, Rethorik und Dialektik. Philo sagt von ihnen: „In diesen und ähnlichen Kenntnissen mußt du dich zuvor üben, denn vielleicht mag es dir wie so vielen Andern gelingen, burdj die untergeordneten Tugenden der wahrhaft königlichen wert zu werden. Die Vorwissenschaften sind für die Seele jugendliche Nahrung wie Milchspeisen für den noch jungen Leib." Die vierte endlich ist die der Philosophie, wo der Gegensatz des Irdischen vom Himmlischen aufgeht und der Mensch die Nichtigkeit seines Wissens einsieht. Biblische Vorbilder hierzu sind Joseph in Aegypten vor Pharao (1. M. 40. 8.), wo er die Auslegung Gott znschreibt. Hierzu gelangt die Seele, sobald sie vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen genossen. So erkennt Abraham, daß die Betrachtung der Natur keinen sittlichen Nutzen bringt, keine Beseitigung der Begierde; er wird weiterschreitend ein Weiser. Der höchste Grad ist das Schauen der himmlischen Dinge, deren letztes Ziel ist die Erkenntnis der Natur des ewigen Gottes, wo ihn Gott von sinnlichen Warnehmungen frei macht, ihn aus sich selbst hinausführt und ihn gleichsam in die göttliche Natur übergehen läßt. Der Weg der Uebung, die Askese. Gegenstand der Askese ist hauptsächlich die Unterdrückung der Sinnlichkeit und ihrer Lüste. Auch da unterscheidet Philo mehrere Grade, denen das Erwachen aus der sinnlichen vorausgeht. Wenn die Herrschaft der Lust nachläßt, empfindet der Mensch Unwillen über dieses Treiben, die Seele beginnt zu seufzen und sehnt sich nach Befreiung. Vorbilder dafür sind Henoch und Joseph (I. M. 50. 19). Der erste Grad der Askese ist das Fliehen vor der Sinnlichkeit; er wagt noch nicht den Kampf gegen sie und sucht sich durch die Flucht zu retten. So entfliehen Jakob aus dem Hause Labans, Mose vor Pharao, Joseph von Potiphera. Der zweite Grad ist, wo gegen die weltlichen Lüste gekämpft wird. Der Asket flieht nicht die Lüste, sondern wagt den Angriff auf dieselben. So greift Mose nach dem Schweif der Schlange, daß sie zum Stab werde, d. h., daß sie durch die Zucht gebändigt werde. Der Asket wird auf diesem Wege von Gefahren bedroht, die Sinnlichkeit init ihren Freuden suchen ihn zu berücken. So setzt Aegypten den Israeliten nach. Auch die Sophisten mit ihren Reden, wie Kain gegen Abel, aber Gott steht ihm bei und stärkt ihn. So vernichtet endlich der siegende Asket die Lüste anstz immer, wie Pineas die Midjanitin (4. M. 24. 7). Die Zeichnung eines solchen Asketen findet er in Jakob. „In der Himmelsleiter, die Jakob im Traume sah, schaute er vielleicht ein Bild seines eigenen Lebens, denn die Askese ist ihrer Natur nach ungleich, bald steigt sie in die Höhe, bald sinkt sie wieder herab, bald fährt sie mit gutem Winde, bald kämpft sie mit schlechtem, bald ist der Asket voll Leben, bald tot und begraben." Der Weg der Natur. Die glücklich beanlagte Natur hat den Weg zur sittlichen Vollendung am leichtesten und sichersten. Hier bedarf es weder des Lernens noch der Uebung der Askese. Ein solcher Mensch ist vom Hause aus vollkommen. Vorbilder sind Isaak und Mose. Der Zustand der Seele desselben ist nicht der Kampf, sondern die Ruhe, der Sabbath, der Friede mit Schauen Gottes, die Freude, die in Isaak personifizirt ist. Das Gemeinsame aller drei Arten ist das Heraustreten aus dem Sinnlichen und das Aufgehen in Gott. So sagt Philo in Bezug -auf 2. M. 32. 27. „Jeder muß den Bruder des Geistes, den Leib, den Nächsten des vernünftigen Teiles der Seele, den unvernünftigen, die Sinnlichkeit, töten. Denn erst dann mag der Geist in uns Diener Gottes werden, wenn erstlich der Mensch ganz in Seele aufgelöst wird,