Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-09-01 · Heft 9 (1.9.1885) · p. Seite 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 9 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2969669-2969726-2969736--1449-2971909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

206 sollte, darum das sie ain ungelerter man nit kändt recht verstohn. Ich glaub wol nain!." „Die Juden sind unsere Mitbürger im Deutschen römischen Reiche, die mit uns in einem Birgerrecht und Birgfrieden sitzen" oder wie er in einer 2. Schrift sich ausdrückt „die Juden sind rechtlich unsere Nebenmenschen, wir müssen sie lieben." Der Zorn der Dominikaner, an deren Spitze Jakob Hochstraten, der Ketzermeister zu Köln, ein ebenbürtiger Jünger Torquemado's, und deren Verbündete, die „Dunkelmänner aller Landen," wandte sich gegen Reuchlin, gegen welchen die Ketzerprozesse in aller Form Rechtens eingeleitet worden. Immer heftiger wurde der Kampf, er dehnte sich über ganz Europa aus und kam in zahllosen Streit-, Flug- und Schmähschriften zum Ausdruck. Die Spannung der Gemüter steigerte sich von Tag zu Tag. Um Reuchlin scharten sich der Herzog von Württemberg, der Kurfürst Friedrich von Sachsen, Ulrich von Hutten, Franz von Sickingen, den, die Kölner schließlich die Kosten im „Reuchlin-Prozesse" zahlen mußten, Erasmus von Rotterdam und jene glänzende Phalanx „Ritter vom heiligen Geist," oder „Heerscharen der Pallas-Athene," der „Talmudphili," wie die Urkunden jener Zeit sie bezeichnen — sie, die wir Humanisten nennen, deren einige in den berühmten Dunkelmänner-Briefen die Dominikaner und ihren Pfefferkorn dem Spotte der Zeitgenossen und der Verachtung der Nachwelt überlieferten. Der Talmud wurde zum Palladium und Kriegsgeschrei aller freien Geister, die dahin trachteten, daß Deutschland wieder gesunde. Reuchlin verteidigen, bedeutete ihnen „das Gesetz" verteidigen. Für den Talmud kämpfen, hieß für die Kirche kämpfen! „Non te“ schreibt Egidio de Viterby an Reuchlin, „sed legem, non Talmud sed Ecclesiam!“ Weligiöse Toleranz im tatumdischen Schrifttum. Von vr. A. Schmiedl. II. -O könnten wir sie doch endlich eines Bessern überzeugen, all die hartnäckigen Verlästerer dieses großartigen talmudischen und midraschischen Schrifttums, welches thatsächlich dem unermeßlichen Weltocean zu vergleichen ist, den kein Schiffer noch zu durchsegeln und kein Senkblei eines Forschers ganz zu ergründen vermochte, von dem jedoch ihnen selber — diesen hart gesottenen Verleumdern und Begeiferern — selbst die oberflächlichste Kenntnis abgeht! Ja gelänge es uns doch endlich sie zur Einsicht zu bringen, mit welch schreiendem Unrecht sie dieses mächtige Litteraturgebiet für ein Arsenal voll verrosteter Waffen eines pechfinsteren und menschenfeindlichen Mittelalters erklären, so daß sie uns den größten Schimpf anzuthun wähnen, wenn sie den gellenden Ausruf „Talmudjude!" uns an den Kopf werfen. O wäre es uns doch endlich gegeben, bis in die weiteste Kreise die Erkenntnis auszubreiten, welche Schätze von Gedankenhoheit und welche unvergleichliche Perlen erleuchtetester und lauterster Menschenliebe gerade dieses von ihnen vervehmte talmudische Schrifttum in ungeahnter Fülle in sich birgt!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.