Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
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204 der Kaiser, Könige und Fürsten folgten einander auf dem Fuße. Innerhalb fünfzig Jahre wurde er sechsmal päpstlicherseits verboten! in den Jahren 1553 und 1555 verbot ihn Julius III., 1559 Paul IV., 1565 Pius V., 1592 und 99 Clemens VIII. Selbst Pius IV., indem er die Erlaubnis zu einer neuen Auflage erteilte, machte es zur ausdrücklichen Bedingung, daß sie ohne den Namen „Talmud" erscheine. Honorius IV. in einem Schreiben an den Erzbischof von Canterbury aus dem Jahre 1286 warnt dringlich vor „dem verdammenswerten Buche," der „Quelle alles Nebels." Einsichtsvoller und erleuchteter war das Verfahren Clemens V. Im Begriffe, ein neues Verdammungsdekret zu erlassen, wünschte er zum Mindesten etwas von dem Buche zu wissen, das er zu verdammen im Begriffe stand. Allein Niemand schien ihm Auskunft geben zu können, worauf er vorschlug — freilich in so dunkeln Ausdrücken, daß sie viele Deutungen zuließen — drei Lehrstühle für's Hebräische, Chaldäische und Arabische, als den drei Sprachen, welche dem Idiome des Talmud am nächsten ständen, zu gründen. Die von ihm gewählten Universitäten waren Paris, Salamanka, Bologna und Oxford. Mit der Zeit hoffte er, würde eine dieser Universitäten im Stande sein, eine Uebersetzung des geheimnisvollen Buches zu produziren. — Ein Plan der bis heute noch nicht zur Ausführung gelangte. Als Anfangs des 16. Jahrhunderts ein neuer Sturm gegen den Talmud in Deutschland hervorgerufen worden, erhielt er seinen ersten christlichen Verteidiger in Johann Reuchlin. In Johann Reuchlin war dem deutschen Volke ein Mann erstanden — nach den Worten des Mönches Nikolaus Pasällius — „wie er seit Hieronymus nicht gesehen worden, weder in Deutschland noch in Frankreich noch ln Italien," der „die hebräische Sprache aus dem Staube hervorgezogen," die „heiligen Schriften wieder zu ihrem alten Glanze gebracht" — seit Hieronymus wieder ein Mann, welchen der Wiffenstrieb das Vorurteil besiegen ließ, in die Schule der gehaßten und verachteten Juden sich zu begeben. Im Jahre 1492 traf er an dem Hofe Kaiser Friedrich III. den Leibarzt Jakob Jechisl Loans, welcher am kaiserlichen Hofe wegen seiner hohen Kunst in Ansehen stand, mit der Kenntnis seines Berufes aber ein gediegenes Wissen der hebräischen Sprache verband. Dieser wurde Reuchlins Lehrer, dem er eine treue Zuneigung bewahrte. Später war es Obadja Sforno aus Cesena, ein klassisch gebildeter Jude, Arzt und Philosoph, der ihm Unterricht in der hebräischen Sprache gewährte. Seinem ersten Lehrer indes bewahrte er größere Freundschaft und wie nachmals Lessing im „Nathan" seinem Freunde Mendelssohn, so setzte Reuchlin seinem Lehrer Loans in dem Juden Simon, den er in seiner Kabbalistik als Redenden eiuführt, ein ehrendes Denkmal. Es geschieht das in dem Werke: Capnion vel de verbo mirifico, welches 1494 erschienen und Johann von Dalburg, Bischof von Worms, gewidmet ist. In der Seele Reuchlin's kämpfte unversöhnt der alte Widerwille und das alte Vorurteil gegen den verachteten Juden mit der Bewunderung und Verehrung seiner Geistesgaben und seiner sittlichen Tugenden. Da ist es denn lehrreich, zu sehen, in welcher Weise von dem Juden Simon gesprochen wirb1). „Seine Gelehrsamkeit wird gerühmt, die *) L. Geiger: Das Studium der hebräischen Sprache S. 14.