Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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201 des Judentums, sowie die Zeit seiner Erfüllung sein wird „Wenn voll sein wird die Erde der Erkenntnis Gottes, wie Wasser den Meeresgrund bedecken" (Jes. 11, 9; Hab. 2, 11.) Daher hat das Judentum besonders das prägnante, leicht faßliche, kurze Sprichwort lieber. „Nie erscheine der Spruch, des Maschal, gering in deinen Angen, „denn durch ihn erhältst du Verständnis in den Worten der Thora!" (Midrasch Rabba, zum hohen Lied, S. 1.) Schon der weise König Salomo verfaßte 3000 Sprichwörter und in seinen Sprüchen finden wir noch heute die Quintessenz aller Lebenserfahrung und Weisheit des Altertums. Wie reich ist das ganze talmudische Schrifttum an kurzen, sinnreichen, schlagenden Sentenzen und Sprüchen. Wir müssen hierher auch den apvkryphischen Sirach mit seiner mehr sich an die Griechen anlehnenden Spruchweisheit rechnen. Herrliche Sprüche, weise Lehren. Warum muß die Neuzeit in eurer unscheinbaren, anspruchlosen Tracht euch so geringschätzend übersehen, wie sie ja auf dem Wege ist, alles Große und Schöne, wenn es ihr nicht durch laute Tagesreklame uttb schauspielerische Ausstattung geboten wird, zu verschmähen? So verstößt inan den ehrwürdigen Greis, der mahnen und belehren will, von der Schwelle, um den prunkenden Spaßmacher, der nur unterhalten kann, einzuladen? Und wie wertvoll sind die einst in Israel so hoch, so wertgehaltenen Sprichwörter, die Weisheit der Nationen! Jeder kennt die arabische Erzählung von jenem Sultan, der für eine hohe Summe Geldes sich den Spruch kaufte: „Bei Allem, was du thust, bedenke das Ende!" und dem dadurch bei einer Verschwörung das Leben gerettet ward. Nun, wohlan! Wie mancher Mensch hat einem einzigen Sprüchworte, einer aus der Schule, aus den Ermahnungen der Eltern und Lehrer beivahrten Lehre die Erhaltung seines edleren Selbst, die Bewahrung seines inneren Glücks zu verdanken! Wie ein kleiner Funke-im Anfänge, im Entstehen, so kann ein Sprichwort zur Lebensleuchte für das ganze Leben werden. Ganze Staaten haben ihre Devisen, die gelegentlich Werkzeuge des Guten, des Vortrefflichen werden, „visu St mou droit,“ ist das Wort des belgischen Königs, „Suum cuique", dasjenige des preußischen Herrscherhauses. Warum sollte nicht jeder einzelne seine Devise, sein Sprüchwort, sein Lebensmotto haben, das in Stürmen ein Anker, ein Schutz gegen das verderbliche Gift der Zeit, der Verführung werden kann? Die glaubensvollere, alte Zeit war in dieser Beziehung glücklicher gestellt als die unsrige. Aus allen Winkeln und Enden, aus unzähligen Zeremonieen, Inschriften und frommen Uebungen, quollen ihr fromme Ideen und Gedanken entgegen. Die „Sprüche der Väter" gingen durch sabbathliche Lektüre ins Bewußtsein über. Wir dürfen im Hinblick auf diese frommen Gebräuche und in Sehnsucht nach Wiederherstellung und Erfolg so manches uns — ach! — verloren gegangenen Schönen die Worte Göthes in seiner „Braut von Korinth" aussprechen: „Keimt ein Glauben neu, Wird oft Lieb und Treu, Mit de.m Unkraut ausgerauft!" Aber soll der moderne Jude denn diesen, durch Jahrhunderte so mühsam und pietätvoll erhaltenen, religiösen Schatz über Bord werfen, wie schweren, unnützen Ballast? Oder soll er nicht vielmehr den Geist aus der Form, den