Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 ist. Die moderne Entwicklung des Judentums fiel auf dürren und sterilen, Boden, der keine Entwicklungskraft mehr hatte. Das ausgestreute Saatkorn blieb auf der Oberfläche liegen und keimte nicht. Es ist darum nicht war, daß die Reformideen der Neuzeit den Jndefferentismus erzeugt haben; nein! nicht blos Jndifferentismus, vollständige Religionslosigkeit war vorhanden. Das religiöse Bedürfnis fehlte, die religiösen Belebungsversuche erzeugten wohl einige Zuckungen, aber kein erneutes Leben. Warten wir darum mit der neuen Jugend nicht zu lange, warten wir am wenigsten auf die Hülfe von außen, auf die uns fernstehende Hülfe der Regierung. Schon die alten Weisen warnten mit Recht davor, unsere religiösen Angelegenheiten vor religiös uns fern und fremd oder gar feindlich gegenüberstehende Behörden zu bringen. Zeige das Judentum sich der Außenwelt, daß es noch die alte Triebkraft in sich trage, um zu einem schattigen Baume heranzuwachsen, der seine Zweige weit ausdehnt und fähig ist, viele, ja alle, die ihn umfassen, unter sich zu bergen. Eilen wir! Denn jeder Baum, auch auf dem besten Boden stehend und die Kraft des üppigsten Wachtums in sich tragend, bedarf der Pflege, damit auch nicht Ein Zweiglein, und wäre es das kleinste, daran dürr werde und abfalle, sondern alle sich mit üppigem und saftigem Grün bedecken und fest am Baunie haften bleiben. B. Schkagrvorl gegen Schtagwort. Wir beklagen es tief in der neueren Zeit, daß in der Gestalt verführerischer, anscheinend richtiger und von tiefer Wahrheit durchdrungener Schlagwörter die verderblichsten Grundsätze und Ideen eine unwiderstehliche, überwältigende Macht ausüben und mit der Schnelle einer verderblichen Seuche sich verbreiten, Verderben stiftend, wie diese selbst. Es liegt hier eine tiefe Wurzel allgemeiner Verderbnis von Sitte, Lebensweise, religiöser Innigkeit und Moralität des Lebens, hier das Geheimnis des Erfolges, welchen das Sozialistentum besitzt, das von den Tribünen unzähliger Volksversammlungen herab in kurzen, knappen, und darum leicht faßlichen Sätzen und Schlagwörtern Unfrieden, Uneinigkeit, Verläugnung jeder Autorität im Lande säet. Welch' eine Blumenlese verderblicher Giftpflanzen würde hier als Beleg zu citiren sein: „Arbeit und Kapital." „Ausbeutung der Arbeiter." „Die oberen Zehntausend." „Die Religion der Bourgeoisie". „Religion ist Pfaffenglaube." u. s. w. Wir führen nur einige der kräftigsten zur Charakterisierung jenes giftigen, überall aufschießenden Unkrauts an. Sie schwirren und summen in der Luft umher, diese giftigen Ansteckungsmikroben, diese verderblichen Schlagwörter eines immer mehr um sich greifenden Nihilismus. „Wenn der Teufel die Welt verderben will, bemächtigt er sich des Schlagwortes," sagt ein moderner Schriftsteller (Strauß, Alter nnd neuer Glaube). 'Wie muß man es anstellen, unser Zeitalter dieser von allen Seiten andringenden Gefahr zu entziehen. Vom öfter Hören, vom häufigen Lesen der allgemein in Zeitschriften wie Redesälen ausgesprochenen schädlichen Gemeinplätze werden diese Lehren gleichsam dem Fleisch und Blut eingeprägt, werden allmählich eine unveräußerliche Krankheit, die schädlich an dem Werke unsers sittlichen Lebensbaumes zehrt.