Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Hauses würdiger Sprößling, dein Sohn Jizchak, wird mit derselben heiligen Treue und mit derselben hingebenden Liebe mir dienen, mit der du meinem Gebote stets nachgefolgt bist. Und in der That! Abraham hat dem Herrn Altäre erbaut, Jizchak hat sie auch bestiegen und beide, Vater und Sohn, sahen über der lodernden Opferflamme die Hand des Engels, der in der Stunde der schwersten Herzensangst ihnen die Botschaft der himmlischen Erlösung brachte und im Angesichte des Todes offenbarte sich ihnen der Herr des ewigen Lebens. Ein zweites Zeugnis wirtk zur' Bekräftigung der herrlichen Verheißung, die wir an dem heutigen Tage vernehmen, uns vorgelegt. Eli, in seiner Zeit der einzige treue Priester im göttlichen Heiligtum, war alt und schwach geworden und seine Söhne, die einst in treuer Gottergebenheit dem Volke voranleuchten sollten, wandelten nicht in den Wegen des Herrn. Sie waren zwar recht geschäftig bei dem Opferdienst an den Altären, aber das alles nur wegen der Opfergaben, die man ihnen darbringen sollte. Die Habsucht beherrschte die Geister, Gott war aus seinem Heiligtume vertrieben, „das Wort Gottes war in diesen Tagen sehr selten geworden" und bessere Einsicht konnte sich nicht verbreiten; selbst das Gebet war, soweit es nicht ganz aus der Gewohnheit gekommen, zur leeren Formel und zum hohlen Wortschwall geworden. Hanna betete zu dem Herrn, sie betete aus vollem Herzen, aber sie schrie nicht laut genug, damit auch die Menschen hören^ wie sie ihren Gott anruft, geräuschlos kamen die Worte der Andacht über ihre bebenden Lippen und Eli, der sie so dastehen sieht, kann sich das gar nicht denken, daß dies die Stellung und Haltung eines Betenden sei. Hanna's Andacht erscheint ihm als Trunkenheit. Du hast dich wohl unbewußt hier hinein verirrt, meine Tochter! rief er der Betenden zu; ein anderes Mal darfst du wohl erst deinen Rausch, ablegen ehe du in das göttliche Heiligtum eintrittst. Wenn es so in der Priesterschaft aussah, daß ihre besseren Führer das Gemüt des Betenden nicht mehr begriffen und ihre jüngeren Sprößlinge vor offener Gewaltthat nicht zurückschreckten, was war da erst von dem Volke zu erwarten, das aller sonstigen Zucht und Ordnung entbehrte? Nun war dazumal die Gefahr und Bedrängnis, die von außenher drohte, nicht minder groß als die nach innen eingerissene Entartung und Verfallenheit. Die alten feindlichen Nachbaren, die räuberischen Philister, hatten wieder einmal Lust bekommen, in Jehuda einzufallen, seine Felder abzumähen, seine Heerden wegzutreiben, seine Städte auszuplündern und dann, mit reicher Beute beladen, wieder in ihr schmales Küstengebiet zurückzukehren. Israel setzte zwar seine ganze Waffenmacht in Bewegung und stellte in geschlossenen Reihen sich dem Feinde entgegen, aber nur um nach einer der schmählichsten Niederlagen das Feld räumen zu müssen. Sein Schlachtheer war zu einem Leichenheer geworden, wehrlos war das Land dem Feinde preisgegeben und die heilige Bundeslade, die den Streitern im Kampfe voranzog, wurde von den höhnenden Siegern weggeführt, um zur Schmach Israels den Tempel des aschdoditischen Dagongötzens zu schmücken. Jetzt war alles dahin, Macht und Ehre, Volk und Heiligtum, Gottesdienst und Priesterschaft, das Licht des Judentunls schien dem Erlöschen nahe zu sein und nirgends ein Hoffnungsstrahl, der den Morgen einer besseren Zukunft verhieß, aber dennoch war Israel nicht verloren, denn die Verheißung des Herrn, daß er sein Volk nicht untergehen läßt, sollte sich von Neuem auf das Glänzendste bewähren. Als auf Erden nur die Finsternis des Elends es umgab und an dem Himmel seines Geisteslebens auch die letzten Sterne schon. 18*