Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1885)
- Date
- 1885-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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188 zählt gegenwärtig in Deutschland 11 Logen. Dieser Orden wurde im Jahre 1843 in Amerika begründet und hat viel zur Verbesserung der religiösen und sozialen Verhältnisse der Juden daselbst beigetragen; er hat Woltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht auf seine Fahnen geschrieben und zählt in Amerika mehr als 25,(XX) Mitglieder in 300 Logen. Diese von deutschen Juden in Amerika in's Leben gerufene Institution strebt auch durch Anlegung von Bibliotheken und durch populäre Vorträge, moralische und geistige Hebung und Förderung der Brüder an. Nebst dem bestehen in Amerika noch ähnliche Verbindungen: „Die freien Söhne Israels" und „Kescher schel Barsel". Die Logen haben ein besonderes Ritual und verschiedene Grade. Die Großlogen halten alle fünf Jahre öffentliche Sitzungen ab. Religiöse kontroversen und politische Debatten sind ausgeschlossen. Die Frage, ob solche specifisch jüdische Verbindungen in unserer Zeit noch nötig seien, beantwortet Herr Di-. Gutmann bejahend, indem er ausführt, daß solange die Andersgläubigen noch ihre Vorurteile nicht ganz aufgegeben haben, wir uns zusammenthun müssen, um dem Geist der Verfolgung den Geist der Humanität entgegenzusetzen. Die uns vorliegende gedruckte Rede schließt mit dem Satze: Möge einst der Tag kommen, an welchem die Sonne wahrer Humanität in vollen! Glanze am Horizonte emporsteigt, der Tag, welcher die Völker der Erde zu einem einzigen Glauben vereinigt, unter dem Banner allgemeiner Toleranz und Menschenliebe, der Tag, an dem das trennende Wort Christ und Jud für immer und ewig der Vergessenheit anheimgegeben wird. — Wie Deutschland seinen Briemann, hat Rußland seinen Brafmänn, in dessen Werke „das Buch des Kahal" gegen Juden und Judentum Beschuldigungen erhoben wurden auf Grundlagen eines zu Minsk aufgebundenen Gemeindebüches „Pinkes", welches Protokolle der dortigen Gemeinde von vor 90 Jahren enthielt. Gegen dieses Buch wendet sich Herr Dr. Zosef Seiberling in seiner Schrift gegen Brafmann's „Buch des Kahal" (Erste Lieferung deutsch und russisch, Verlag des Verfasser, Wien II., Leopoldsgasse 27a). Herr Dr. Seiberling nennt den 3036 Foliobogen umfassenden Talmud das 6orpus juris der Juden und hebt mit Recht hervor, daß in demselben jede zeigemäße Reform begünstigt wird. Um den Talmud richtig zu verstehen, müsse man die Zeit kennen, in der er abgefaßt wurde. Der Verfasser verweist in seiner gründlichen lichtvollen Abhang auf Chullin 116a hin, wo mitgeteilt wird, daß Rabbi Zofe und alle Juden, die zu seinem Rabbinate gehörten, Hühner mit Butter zubereitet, genossen haben und auf eine an Ketzerei gränzende Stelle im Talmud, daß weder Mose noch Eliahu in den Himmel gestiegen waren und daß sich Gott niemals auf dem Berge Sinai gezeigt habe, um darzuthun, daß in diesem Werke auch subjektive Einzelansichten stark vertreten sind. Auch über die in Gegenwart wieder hervorgetretene Kol-Nidre-Frage von einer Seite, wo man in Bezug auf den Eid gerade nicht intact ist, wird auf Tur-Orach-Chajim Cap. 619 in der Abteilung über den Jom-Kippur hingewiesen, wo es heißt: Solche Verwerfung von Gelübden und Schwüren im Kol- Nidre kann nur auf jene Gelübde angewendet werden, welche der Mensch sich selbst (d. h. im Bezug auf seine eigene Person) auferlegt und auf solche Schwüre, die er sich selbst (freiwillig) geleistet. Ein Gelübde, das einem Menschen von einem anderen auferlegt wird, und einen Schwur, der von den Richtern ihm abgenommen war, „kann die Gebetsformel „Kol-Nidre" nicht lösen." Möge Seiberling's Schrift, von der bis jetzt in Deutschland wenig bekannt geworden, dazu beitragen, richtige Anschauung über Juden und Judentum auch außerhalb Rußlands zu verbreiten. — Die wenigen unpunktierten Ausgaben des hebräischen Bibeltextes sind bereits