Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1885)
- Date
- 1885-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 auf biblischem Boden, aber gerät dadurch in Widerspruch mit seiner oben zitirten Annahme, der Mensch allein könne das Gute nicht vollbringen. Die Mittel und Wege zur sittlichen Vollendung des Menschen sind nach der Bibel die Lehren und die Gesetze, die im Leben unter den Menschen ihre Verwirklichung finden sollen. Gewisse Hauptgesetze oder Hauptlehren, unter die sich die andern gruppiren, werden nicht angegeben. Erst in der nachbiblischen Zeit werden von den jüdischen Volks- und Gesetzlehrern in Palästina Hauptgesetze aufgestellt. So nennt Hillel I. das Gebot der Nächstenliebe, Ben Asai die Entwicklung des Menschengeschlechts, Abba Saul die Nachahmung Gottes, die Gottähnlichkeit, das Hauptgesetz des Judentums. Philo gibt „das Herausgehen des Menschen aus sich selbst und sein Aufgehen in Gott" als das höchste Gut der sittlichen Vollendung an, dessen erstes Gebot „das Gott ähnlich werden" ist. Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen, er hat die Bestimmung, Gott immer ähnlicher zu werden. Ferner: „Des Menschen höchst wichtiges Gebot ist, Gott nach Kräften nachzuahmen und keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, Gott ähnlich zu werden". Deutlicher: „Adam habe (im Stande der Unschuld) Alles zum Wohlgefallen des himmlischen Vaters getan; auf denjenigen Wegen gehend, die durch die Tugenden gebahnt werden, und auf denen nur diejenigen Seelen wandeln, welche die Ähnlichkeit mit Gott als ihr Ziel ansehen". Die Tugend definiert er als eine Fähigkeit zur Unterwerfung des Sinnlichen unter die Vernunft; sie ist nur im Geiste zu suchen. Eine andere Begriffsbestimmung der Tugend ist bei ihm die von den Stoikern entlehnte: „der -Natur gemäß zu leben". Endlich nennt er die Weisheit als die Mutter der Tugenden, Die Tugenden selbst werden von ihm an mehreren Stellen verschieden angegeben. Er nennt erst nach der stoischen Einteilung vier Kardinaltugenden: die Gerechtigkeit, die Mäßigung, die Einsicht und die Tapferkeit, die er symbolisch in den vier Strömen des Paradieses angedeutet findet. Das Paradies gilt symbolisch als die göttliche Weisheit. Der große Hauptfluß, aus dem die vier andern Ströme hervorgehen, ist das Bild der Grund- oder Haupttugend, aus der die vier andern entstehen. Neben diesen vier Haupttugenden nennt er noch mehrere andere. Es sind dies: die Hoffnung, und zwar die Hoffnung auf Gott, als deren Typus er die bibl. Person Enos aufstellt; die Buße, die ihn lehrt, der Ungerechtigkeit zu entsagen und sich der Gerechtigkeit und Mäßigung hinzugeben, wodurch der Mensch die Versetzung an einen Ort der Einsamkeit erlangt; ein Typus dafür ist die bibl. Person Henoch (1. M. 12. 1); der Glaube, als notwendig zur Erkenntnis Gottes, er besteht im festen Vertrauen auf Gott im Gegensätze des Zweifels und wird als die vollendeste der Tugenden betrachtet, als Vorbild dafür gilt Abraham unter Hinweisung auf 1. M. 12. 1 und 15, 6. Weiter kennt er die Frömmigkeit und Heiligkeit gegen Gott; die Liebe und Gerechtigkeit gegen die Menschen als die Tugenven, die im Mosaismus die Grundgesetze sind, auf die sich die andern zurückführen lassen. „Die unendliche Zahl einzelner Lehren und Vorschriften kommt auf die zwei Hauptgebvte zurück: auf die Frömmigkeit und die Heiligkeit im Verhältnisse zu Gott, Liebe und Gerechtigkeit gegen die Menschen. Jede dieser zwei Tugenden enthält unzählige andere unter sich." Mit der letzt oben zitierten Lehre Philo's von den zwei Grundtugenden im Gesetz sind wir bereits in das Gebiet der speziellen Ethik hineingeraten. Dieselbe hat die spezielle Angabe der Mittel und Wege zur sittlichen Vollendung zu ihrem Gegenstände. Im Mosaismus sind hierzu die Gesetze des Menschen zum Menschen, welche die sittliche Thätigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen an-