Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1885)
- Date
- 1885-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Männer und die Frauen. Ja, nach einem allerdings noch nicht völlig aufgeklärten Berichte (Ex. 38, 8. 1. Sam. 2, 22.), scheinen in alter Zeit Frauen sogar an dem Tempeldienste in irgend einer Weise beschäftigt gewesen zu sein. Frauen erschienen auch an Sabbathen und Neumonden in der Prophetenschule (2. Kön, 4, 23.), nicht um der religiösen Belehrung der Propheten zu lauschen, denn diese hielten erst im Exil« ständige Vorträge für das Volk, während sie in der alten Zeit gewissermaßen Gelegenheitsredner waren und nur bei besonder» Anlässen öffentlich sprachen. Die Frauen giengen vielmehr an festlichen, arbeitsfreien Tagen zum Propheten, „um Gott zu erforschen", d. h. um über die mannigfachen Vorkommnisse des Hauses, Krankheiten und Anderes, das göttliche Orakel zu befragen. Aber auch in demjenigen Stande, der den größten Einfluß auf das Leben der israelitischen Nation ausübte, der die religiöse und politische Entwickelung des Volkes von Stufe zu Stufe hob, und der die herrlichste Blüte israelitischen Geisteslebens bildet — auch in dem Stande der Propheten, der auch die Dichter und Redner des Volkes in sich vereinigte, begegnen wir Frauen. Schon die älteste Stammesüberlieferung stellt Mirjam als Prophetin neben ihren Bruder Aron und Mose (Num. 12, 2 ff.), und es ist höchst beachtenswert, daß am Eingänge der eigentlichen Volksgeschichte Israels ein edles Weib steht — die Prophetin und Richterin Debora (Nicht. 4, 4ff.) —, und daß hart am Ausgange derselben wiederum ein Weib erscheint, die Prophetin Hulda (2. Kön. 22, 14), die den Untergang der politischen Selbständigkeit verkündigt. Jener, die sich in dem sog. Deboraliede „eine Mutter in Israel" nannte, und die zuerst die verwandten Stämme zu gemeinsamer Abwehr vereinigte, verdankt Israel den Beginn seiner nationalen Erhebung, dieser aber den Antrieb zu der bedeutsamsten Reform seines religiösen Lebens, zur Josianischen Bundesschlietzung mit Adonai auf Grund der Zerstörung aller Götzentempel Judäas und der Anbetung Gottes in dem einzigen Tempel zu Jerusalem. Es mag zum Schluffe noch erwähnt werden, daß die altisraelitische Geschichte verhältnismäßig zahlreiche Beispiele enthält von dem bald wohlthätigen bald nachteiligen Einfluß, den Frauen als Königinnen auf die Politik des Landes ausübten. Ich erinnere hier nur an Bathseba und Jsebel, sowie an den Umstand, daß in den judäischen Königs-Annalen auch die Namen der Königinnen- Mütter überliefert wurden (1. Kön. 14, 21. 15, 2. 22, 42 etc.). Ja, Frauen waren sogar von der Thronfolge gesetzlich nicht ausgeschlossen, was die selbstständige, sechsjährige Regierung der Königin Athalja beweist, die nur wegen ihrer Förderung des Baal-Kultus, und weil in dem geretteten Königskinde Ioas ein berechtigterer Thronerbe vorhanden war, gestürzt wurde. — Wer nun alle die bisher erwähnten einzelnen Züge, soweit sie uns über das Leben der israelitischen Frau überliefert werden, in gehöriger, Weise zusammenzufügen verstände und sodann die Gesamterscheinung sich beseelt dächte von dem Geiste der Liebe und Gerechtigkeit, wie er in der prophetischen Religion Israels lebte — und verklärt vor den erhabenen Vorstellungen und edlen Strebungen, welche das auserwählte Volk Adonais in seiner Gesamtheit hegte, der würde ein Frauenbild gewinnen, das zwar noch immer keine Jdealgestalt wäre, das er aber getrost neben die besten Frauenbilder aller Zeiten und Völker stellen dürfte. Ja, ich wage es auszusprechen, daß die hohe Würde und Sittenreinheit des biblischen Frauenbildes, in Folge der hohen Geltung, die sich nachmals das Grundbuch unserer Religion bei allen Völkern errungen, ohne Zweifel vielfach dazu beigetragen hat, um alle jene schönen Züge edler Weiblichkeit herauszugestalten, die