Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1885)
- Date
- 1885-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 damals schon, aber Verfolgungen und Verurteilungen sind nicht daraus entstanden. Man sagte sich und Anderen in friedlichster Weise: „diese wie jene reden Worte des lebendigen Gottes". So lag auch gar kein Grund vor, Jesus und seine Anhänger blutig zu verfolgen. Erst als das Heidenchristentum aufkam, und zwar das römische, und dieses zur politischen Macht gelangte, traten stärkere Gegensätze auf, welche zu Meinungsverschiedenheiten, Trennungen und Verfolgungen der Judenchristen und dann auch der Juden führten. Denn die Judenchristen standen den Juden immer noch nahe und gleich. Ein Beweis für dieses freundschaftliche Verhältnis beider, der Judenchristen und Juden, ist die damalige Einführung des Gebets gegen die Fälscher (Welamalschinim) in die Synagoge, womit die Heidenchristen gemeint sind. Diese selbst nannte man Minim (Min „Abart," „Sekte"), vielleicht eigentlich Maaminim „Gläubige", weil hier abweichend der „Glaube", und zwar an die Göttlichkeit Jesu, an den Versöhnungstod Jesu, die Rechtfertigung durch diesen Glauben auch ohne gute Werke, alles dies gegensätzlich zum reinen monotheistischen Judentum, in den Vordergrund gestellt wurde. Es geschah dies im Interesse der heidnischen Mission und Propaganda. Man hatte seine guten Gründe dafür, aber die Judenchristen und Heidenchristen gierigen zwei verschiedene Wege. Man trennte sich, und mit dieser Trennung war Feindschaft, Denunziation, Verrat und Verfolgung verbunden, zumal die politische Macht bei den Heidenchristen war. Damit nahmen denn Feindschaft und Verfolgung gegen Judenchristen und Juden überhaupt ihren Anfang; darin hat der Judenhaß seinen ersten Ursprung* *) Wie hart diese Verfolgnng war, — das Judenchristentum ging unter und verloren! Den Un- und Andersgläubigen (Heiden und Christen) gegenüber waren Juden ihres Lebens nicht mehr sicher, sie waren faktisch für vogelfrei erklärt, und ihre Ermordung galt als verdienstlich, zur Verherrlichung Gottes und seines Reichs dienend und führend. Von diesem Gesichtspunkte aus wird man die zitirten Aussprüche einzelner Lehrer im Judentum verstehen, die nichts als Ausflüsse der Notwehr sind. Man sah eben in jedem Un- und Andersgläubigen seinen berechtigten oder wirklichen Mörder und erklärte: es ist erlaubt einem solchen zuvorzukommen und ihn zu töten. Der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht ist der Umstand, daß, als Ansichten und Thatsachen sich änderten, spätere Gesetzeslehrer schnell jene Aussprüche zurückzogen und für ungültig erklärten. Die Verhältnisse haben sich geändert, die Juden haben keinen Angriff mehr zu fürchten, die Notwehr ist überflüssig geworden; was gegen Juden nicht erlaubt und verboten ist, gilt auch gegen Un- und Andersgläubige als nicht erlaubt und verboten. Aber sehen wir uns doch einmal die zitirten Aussprüche an, um zu erkennen, daß sie nicht einmal so gefährlich lauten, wie es den Anschein hat. Zunächst erscheint es auffällig, daß Maimonides das Verbot des Mordes im Decalog blos auf Israel beziehe. Er sagt aber nur: „Wer einen Israeliten tötet, macht sich des Mords schuldig;" nicht, daß es erlaubt sei einen andern Menschen zu töten, denn dagegen sprechen ja schon die allgemeinen Menschen-Gesetze und die noachidischen Gebote im Anfang der Bibel. Maimonides meint nur, der Decalog sei zunächst Israel übergeben worden, sei das Bundesgesetz zwischen Gott die Hauptgegensätze zum Heidentum mit seinem Polytheismus und Barbarismus, mit seiner Vielgötterei und Racentrennung. Antisemitismus ist der moderne Barbarismus des alten Heidentums. *) Bei den Heidenchristen gab es selbstredend auch jüdische Ueberläuser, die immer die Hauptfemde der Juden waren. Darum wurden Miuim mit Mosrim und Kofrim „Verräter und Abfälligen" zusammengenannt.