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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-08-01 · Heft 8 (1.8.1885) · p. Seite 170

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 8 (1.8.1885)
Date
1885-08-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 Besprechung der Jrrtümer und Ausgleichung der Gegensätze für unerläßlich. Wurde doch sogar Delitzsch bei der Nachricht von der angeblichen Ermordung des Russen Rabbinowitsch, des Stifters der Sekte Neu-Jsrael, bedenklich.*) Nicht nur daß Delitzsch nun alle seine Hoffnungen auf die baldige Bekehrung der Juden vorläufig wieder vereitelt sieht, er glaubt auch einen Augenblick an die Möglichkeit eines Mordes aus religiösem Fanatismus, der ja seiner Ansicht nach im talmudischen Gesetze für zulässig erklärt, ja geboten sei; nur ist er gelehrt genug, um zu wissen, und gerecht genug, um zu erklären, daß es gewagt sei, zu glauben, daß alle Juden ein solcher Fanatismus beseele. Glücklicher Weise zeigte sich im nächsten Augenblicke schon die Nachricht von der Ermordung des Rabbinowitsch als falsch, und Delitzsch, wissend, daß das aufgeklärte Judentum Jesus und seiner Lehre eine gewisse Anerkennung nicht versage, fängt wieder an, eine Annäherung zwischen Juden- und Christentum für nahe bevorstehend zu halten. Und dennoch entgeht auch Delitzsch im ersten Augenblicke, als er die Nachricht von dem fanatischen Morde noch für wahr hielt, der Versuchung nicht, alle Juden für daran beteiligt und das Judentum selbst für verwerflich zu erklären. Denn wenn es wahr wäre, daß das Judentum heute noch so mordschnaubenden Fanatismus großzieht, sagt Delitzsch, dann müßte ihm die Eingliederung in den modernen Staat versagt werden. Aber wenn nun doch die Nachricht von der Ermordung sich bestätigt hätte, wäre dann wirklich auf das Judentum die Anklage zu werfen gewesen, daß es so mordschnaubendeu Fanatismus großzieht, wäre dann wirklich allen Juden die Duldung in den modernen Staaten zu versagen gewesen? Ein Jude sündigt, und alle Juden sollen mit schuldig, und sogar das Judentum soll mit verantwortlich sein? Haben denn je die Juden für die Unthaten einzelner Christen alle Christen verantwortlich gemacht oder gar das Christentum darob angeklagt? Haben wir die Erklärung einzelner fanatischer Christen, daß manJuden gegenüber Versprechungen und Eide nicht zu halten brauche, daß man für gute Zwecke auch unerlaubte und schlechte Mittel anwenden dürfe, oder gar die jüngste That eines protestantischen Hofpredigers dem Gesammt-Christentum zur Last gelegt? Aber die Christen machen die heutigen Juden noch für die Kreuzigung Jesu verantwortlich, und Jesus wurde nicht einmal von den Juden sondern von den Römern gekreuzigt, und nicht einmal aus religiösem Fanatismus allein, sondern auch aus politischer Vorsicht. Oder wenn er wirklich von jüdischen Richtern verurteilt worden ist, so waren diese irregeführt und standen auch unter römischem Zwangseinfluß. Und wären selbst einzelne jüdische Fanatiker die Missethäter, waren dafür alle Juden, sind dafür noch die heutigen Juden, ist dafür die Lehre des Judentums verantwortlich zu machen? Gewiß nicht! Aber was thut man nach so langdauernder und jetzt für falsch erkannter Anklage heute zur Rechtfertigung der Juden und des Judentums? Was zur Duldung, nein zur Gleichstellung und -Berechtigung der rein dastehenden Juden, des glänzend dastehenden Judentums? Doch halt! man vermeint wirkich, das Judentum gestatte und gebiete den Mord Un- und Andersgläubiger, erst das Christentum mit seinem Universalismus der Liebe und Gerechtigkeit gegen alle Menschen ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens habe darin Wandel geschaffen. Dieser Einfluß des Christentums habe denn auch in neuerer Zeit eine Annäherung der Juden und einen Umschwung ihrer *) Rabbinowitsch ist inzwischen in Leipzig nach russischem Ritus getauft worden. Bon der Verwischung christlicher Grundsätze in der neuen Sekte ist mehr für das Christenals für das Judentum zu fürchten. Auch in „Gedanken eines Juden" hofft der Täufling mit ähnlicher Dogmen-Berwischung zu Gunsten des Judentums zu wirken.

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