Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1885)
- Date
- 1885-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
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157 schule zu Liberias sich genaue Kenntnis des Landes anzueignen. Etwa 390 verfaßte er die Schrift: „Lösungen einzelner schwieriger exegetisches Fragen in der Genesis nach hebräischer Tradition," die von bleibendem Werte sind und allgemeine Anerkennung gefunden haben. Der Kirchenvater ließ sich von vielen Talmudisten unterrichten. Sehr oft nannte er einen Hebräer, der ihn in den heiligen Schriften unterrichtete (Am. III.. 11; Nah. I., 9, II., 18; Zach. XIV., 10; Mal. II., 13). Auch spricht er (in der prask. II in Paralip.) von sehr gelehrten Hebräern, Talmudisten, in deren Gesellschaft er ganz Palästina bereiste. Einen.seiner Lehrer nennt er mit Namen Baranina, d. h. Bar Chanina oder Bar rabbanum aus Liberias, welche Namen im Talmud häufig zu lesen sind. — Ein anderes Mal nennt er einen Lyddenser seinen Lehrer, der bei den Hebräern als der bedeutendste Gelehrte galt (praef. in Job I und Commentar zu Habakuk II, 15). Mit Beihilfe dieser Talmudisten hat Hieronymus die in der katholischen Kirche kanonisch gewordene lateinische Bibelübersetzung „Vulgata" geschaffen; sie allein haben ihm die Uebersetzungsthätigkeit möglich gemacht. Beim Buche Tobias hatte er sich die Sache so eingerichtet, daß der Talmudist den Text vorab aus dem Chaldäischen in's Hebräische übersetzte und der Kirchenvater ihn dann in's Lateinische übertrug. Dankbar gedenkt er (ep. 139) seines chaldäischen Lehrers, von dem er viel gelernt hat. Er nennt die Talmudjuden „Sophoi." d. i. Weise, und weiß von der Art ihrer Vorträge zu referiren. (Quaest. Algas. X.) Die Bibelübersetzung des Hieronymus fand bald gehässige Gegner in der Kirche; er wurde als glaubensgefährlicher Neolog verschrieen. In seinen Verteidigungsbriefen läßt er durchblicken, daß seine frommen Gegner nicht vom heiligen Geiste, sondern von der Unwissenheit inspirirt sind; sie möchten lieber bei oen Talmudjuden sich unterrichten lassen, diese erst befragen, ehe sie über seine Schriften oder einzelne Stellen derselben den Stab brächen. (Vgl. auch Präs, in Pont.) An dem großen Verdienst, das dem Kirchenvater zugesprochen wird, daß er eine Unterscheidung zwischen den aporkyphischen und kanonischen Büchern angebahnt habe, haben seine talniudischen Lehrer bedeutsamen Anteil. Man liest (Präf. in Dan.), daß ein Jude ihm die Geschichte der Susanna für ein griechisches Machwerk erklärt, die „drei Knaben im Feuerofen" bespöttelt, die Zusätze zu Habakuk verworfen hat. Die Bibelcommentarien des Hieronymus stimmen fast durchgängig mit der talmudischen Agada überein') „Bei der Fülle jüdisch-traditioneller Erklärungen, die sie enthalten, sind sie ohne Zuhilfenahme der talmudischen Agada ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln." Wie hoch Hieronymus die talmudischen Traditionen, die ihm übermittelt worden, gestellt und geschätzt hat, erhellt aus der Stelle (Epist. ad Marcellum): „Dies haben wir aus der innersten Quelle der Hebräer geschöpft, und folgten nicht den vagen Meinungen und Jrrtümern, von denen die ganze Welt erfüllt ist; abgeschreckt von den Widersprüchen, streben wir nur das zu wissen und zu lehren, was wahr ist." (Adv. Rnfinnm 1, 3). „Selbst Origines, Eusebius, Clemens u. a. m., wenn sie irgend über Schriften disputirten, und das, was sie sagen, beweisen wollten, ') Vgl. Rahmer, die hebr. Traditionen in den Werken des Hieronymus.