Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1885)
- Date
- 1885-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 ist das Symbol der Lust. Wie sie auf der Erde kriecht, Erde frißt, den Menschen beißt, denselben täuscht u. a. m., ist sie das Bild der Lust zur Verführung des Menschen. Nach andern Stellen erweitert sich dieses Bild. Die Schlange ringelt sich fünffach nach der Zahl der fünf Sinne, sie ist bunt, farbig, denn vielfach sind die Genüsse des Auges, des Ohres u. s. w.; sie frißt Staub, denn sie hat nur irdische Genüsse; sie ist der Feind des Menschen, denn sie stellt dem Menschen nach, auch wenn er sich aus Aegypten, dem Lande des Leibes, in die Einsamkeit flüchtet, denn auch dort ist sie. Die Seele wird durch die Reizmittel der sinnlichen Vergnügungen angelockt und gewinnt die Sinnlichkeit lieb. Auch diese Lehren von der Sinnlichkeit und ihren Affekten hat bei den Volkslehrern der Juden in Palästina ihre Gegner gefunden, welche im Gegensätze zu denselben die Sinnlichkeit ebenfalls als von Gott geschaffen erklären, die an sich nichts Böses haben kann, ja insofern sie zur Erhaltung der Welt treibt, zu den guten Gegenständen der Schöpfung zu zählen ist. Philo's Anthropologie ist der Boden seiner Ethik. Die Scheu vor dem Sinnlichen hatte zur Folge, daß er auf äußere Werke einen geringen Wert legte und als Hauptziel die Erkenntnis betrachtete. Den Satz: „Die Tugend kann nicht blos theoretisch bleiben, sondern muß geübt werden" erkennt auch er an, aber nur in Bezug auf die Erkenntnis und die sittliche Hebung des innern Menschen. Wir gehen nun zur Darstellung seiner Ethik über. Der Ursprung und die Stätte des Bösen und Guten werden in die Bibel nicht in die Materie, in die Welt oder in den menschlichen Leib gesetzt, sondern in des Menschen Thun und Lassen gefunden. Die Gegenstände der Welt sind an sich weder böse noch gut, sie werden es erst durch die Thätigkeit des Menschen, in Folge ihres Gebrauchs und ihrer Verwendung durch ihn. Es hängt diese Lehre mit der Annahme der Schöpfung aus „Nichts" zusammen, nach welcher die Welt wie ihre Wesen nicht durch einen Urstoff enstanden, sondern durch Gott geschaffen kvurden, daher von Natur nicht böse sein können. Anders ist dies bei Philo, der den griechischen Philosophen in der Annahme von einer Urmaterie (Urstoffe) bei der Schöpfung gefolgt ist; er setzt daher gleich ihnen das Böse in die Materie, in die sinnliche Welt. „Den menschlichen Leib und die durch ihn erzeugte Sinnlichkeit mit deren Affekten und Lüsten bezeichnet er als Quell des Bösen". Es ist nicht uninteressant, wie er diese Lehre vom Bösen durch allegorische Deutungen in der Bibel auffindet. So deutet er den Befehl an Abraham: „Ziehe hinweg aus deinem Lande" d. h. fliehe den Körper, dieses durch und durch unreine Gefängniß, die Lüste und die Begierden des Fleisches, die gleichsam die Gefängnißwärter sind. Ferner enthält die Verheißung 1. M. 15. 13 die Lehre, daß der Fromme den Leib als ein fremdes Land ansehen soll, ferner daß die Knechtschaft die Unterdrückung und Demüthignng der Seele ihren Grund in der irdischen Wohnung des Leibes hat. Denn die Leidenschaften sind der Seele fremd, sie erwachsen aus dem Fleische, in dem sie wurzeln. Die 400 Jahre der Knechtschaft in Aegypten deuten die Zahl der vier Hauptaffekte an, der Wollust, der Begier, der Traurigkeit und der Furcht und deren Herrschaft über den Menschen. Durch die Wollust wird der Mensch aufgeblasen und übermütig; unter der Begierde zieht die Sehnsucht nach abwesenden Genüssen in die Seele ein und plagt sie durch trügerische Hoffnungen; sie dürstet fortwährend und kann ihren Durst nicht löschen, so daß sie tantalische Schmerzen zu erdulden hat; in Folge der Traurigkeit wird die Seele zusammengeschnürt und eingeengt, sie gleicht einem Baume, von dem die Blüthen und die Blätter sinken; unter der Herrschaft der Furcht vermag Niemand zu bleiben, in schleuniger