Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1885)
- Date
- 1885-07-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
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151 der Israel. Tochter in dem gleichen Fall nicht mit solcher Sicherheit den Abfall zu befürchten scheint. Als in den Tagen Esra's und Nehemia's unter den aus Babylon zurückgekehrten Israeliten, die sich mit den Eingeborenen verschwägert hatten, die Frage der Mischehe akut geworden war, da wurde sowol von den Gegnern wie von den Anhängern derselben auf den mächtigen Einfluß des Weibes hingerufen. Die Gegner befürchteten von der Ehe mit amonit. moabit. und anderen Frauen den Untergang der nationalen Sprache und Literatur und die Triibung der väterlichen Sitte und Religion; die Anhänger aber wollten blos die persönlichen Tugenden der Frau beachtet wissen nicht aber die Nationalität, und zur Erhärtung ihrer Ansicht, daß die tugendhafte Fremde sich leicht und willig einleben werde in jüdische Sitte und Gottesverehrung, erzählten sie dem Volke die reizende Geschichte von der Moabiterin Ruth, die von dem Bethlehemiten Boaz geheiratet wurde, und zu deren Nachkommen David, der Begründer des nationalen Königstums, gehörte. Wie bekannt siegten damals die Gegner der Mischehe. Der schädliche Einfluß der fremden Frauen auf die nationale und religiöse Erziehung der Kinder war viel zu offenkundig, als daß vereinzelte Ausnahmsfälle die Wiedereinführung der nationalen Ehe aufzuhalten vermocht hätten. In der That lag im ganzen bibl. Altertum die Erziehung der Kinder fast ausschließlich in der Hand der Mutter; ihr Beispiel und ihre Lehren waren entscheidend für die Charakterbildung der Kinder. „Höre mein Sohn, die Zucht deines Vaters und lasse nicht von der Lehre deiner Mutter", mahnt der Spruchdichter (Spr. 1, 8) und von der Mutter Lemuels, des Königs von Massa, enthält die israelitische Spruchsammlung noch folgende Belehrung an ihren Sohn Spr. 31, 1 ff: „Gieb nicht den Weibern deine Kraft, und laß dich nicht leiten von denen, die Könige entnerven. Nicht den Königen, o Lemuel, nicht den Königen (ziemt es) Wein zu trinken, und den Fürsten nicht Meth. Damit er nicht trinke und vergesse das Gesetz und verdrehe das Recht aller Gedrückten. Gebt Meth dem Herumirrenden, und Wein dem, der bittern Gemüthes ist. Er trinke und vergesse seine Armut und gedenke nicht mehr seines Elends. Du aber öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht der verwaisten Kinder. Thu auf deinen Mund und urteile gerecht, und richte Arme und Dürftige". — Die israelitische Mutter liebte und Hegte ihre Spröslinge mit einer Hingebung, die kein Opfer scheute, so daß Mutterliebe sprichwörtlich wurde in Israel; daß man sie, wie jener berühmte Schiedspruch Solomos zeigt (1. Kön. 3, 16 ff), selbst dem verworfensten Geschöpfe nicht abzusprechen wagte, ja daß man sie selbst über den Tod hinaus wirkend sich vorstellte, wie aus jener rührenden Schilderung hervorgeht, darin Jeremia (31, 14) die Volksmutter Rahel bitterlich weinen läßt über ihre Kinder, die in die Gefangenschaft wandern. Aber auch über den Tod der Kinder hinaus. Ich kenne nichts Ergreifenderes als das mit epischer Kürze gezeichnete Bild einer harmvollen Mutter im Buch Samuelis (II. 21, 16). Da sitzt Rizpa, Sauls Weib, auf dem Felde und hat einen Sack über zwei Leichen gebreitet, sie sitzt da vom Beginne der Ernte bis zur Regenzeit und scheucht die Vögel des Himmels und die Tiere des Feldes von den zwei Leichen, denn es sind ihre Söhne. „Wie einen seine Mutter tröstet", das ist dem Propheten (Jes. 66, 13) der Ausdruck des innigste» Zuspruchs in