Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1885)
- Date
- 1885-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 füllung eines göttlichen Willens, übereinstimmen. Durch dieses hohe Ziel, welchem die griechische Philosophie und die jüdische Religion auf verschiedenen Wegen zustreben, werden die Mittel, deren sich beide bedienen, geheiligt und veredelt. Der Mensch wird durch die äußerlichen Bräuche und Ceremonieen zu einer inneren Größe erhoben, die ihn über das gewöhnliche Maß menschlichem Empfindens und Denkens weit hinausführt. Beide Lehren gleichen sich auch in der unmittelbaren Folge ihrer Verwirklichung darin, daß ihre Anhänger von der größeren Gesammtheit ausgesondert wurden, die Kinder Israel aus dem großen Völkerverbande, die Schüler des Pythagoras aus dem Ganzen der griechischen Nation. Das Volk, welches durch den Glauben an einen Gott so schroff den Völkern gegenübertrat, bedurfte, um diese Jsolirtheit zu bewahren, eines augenfälligen Bindemittels, welches den von Völkern gelösten Stamm um so enger mit Gott verknüpfte; und Pythagoras, der seinen Anhängern die geheimnisvolle Lehre von der Harmonie der Welt, von den Sphären und der Seelenwanderung, anvertraute, verbot seinen Anhängern alle den Geist von dieser Betrachtung abziehenden Genüsse. Das Verbot der animalischen Nahrung und der Bohnen sowie derartiger Opfer, die Anordnung bestimmter Weihen, das fünfjährige Schweigen und die anderen Bestimmungen über die Lebensführung hatten eine natürliche, aber auffällige Scheidung der Pythagoräer von dem ganzen Volke zur Folge. Diese Philosophen, welche den Kern der Bürgerschaft in den einzelnen unteritalischen Städten, dem Wirkungskreise des Pythagoras, bildeten, waren gar bald zu einer politisch geschlossenen Einheit, einem Klub, zusammengewachsen, welchen das niedere Volk nur mit feindseligen Augen betrachtete. Das Los dieser auserlesenen Schaar war ein trauriges. Argwohn und Mißtrauen verleiteten die Menge zu blutiger That gegen die Jünger des Philosophen, und sowohl in Kroton wie auch an anderen Orten erhob sich das Volk zu ihrer Vernichtung. Pythagoras selbst ward aus dem dort angerichteten Blntbade gerettet, mußte aber zu seinem Schmerze die unvorhergesehene Folge seines edlen Wirkens und Lehrens sehen. Doch kann dieses Schicksal seiner philosophischen Politik die Größe des Mannes in unseren Augen niinmermehr verdunkeln. Das ganze Leben des Pythagoras erscheint von einem heiligen Lichte .umflossen. Er gleicht hierin vielfach den alten hebräischen Propheten, den Trägern des idealen Gedankens der Kinder Israels. Auch Pythagoras sah gleich jenen die ihn umgebende Wirklichkeit von der erhabenen Warte eines Sehers, und die Göttlichkeit seiner Gedanken wirkte auch auf das gewöhnliche Leben veredelnd ein. In den Augen der Tagesmenschen, der philiströsen Alltagswelt, die zu allen Zeiten das Gute nur nach dem Nutzen bemißt, erschien er als ein gefährlicher Neuerer. Den Besonnenen war er ein auserlesener Sterblicher, einer jener wenigen, die kometengleich durch den Kreis der ephemeren Erscheinungen fahren und in der kurzen Spanne ihres Wirkens die staunende Bewunderung ihrer Zeitgenossen Hervorrufen. Die Griechen erkannten die Urplötzlichkeit der Erscheinung des Pythagoras wohl und nannten ihn den „samischen Kometen" (Jamblich, Leben d. Pyth. Kap. VI). Diese Bedeutsamkeit war nur eine Folge seines rein menschlichen, ernsten und harmonischen Wirkens. Sein Philosophieren war nicht blos theoretischer Natur, sondern er griff mit der Gewichtigkeit eines starken Geistes in alle Verhältnisse des menschlichen Lebens ein. Und das Letztere eben machte auf seine Zeitgenossen jenen tiefen Eindruck, rief jene Bewunderung hervor, die von mächtigen Persönlichkeiten iuuner erweckt wird, und die dem von der Welt abgekehrten Philosophen nie zu Teil ward.