Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1885)
- Date
- 1885-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 seine Schüler, sich von allen Speisen fern zu halten, welche der Fähigkeit zu prophezeihen, der Reinheit, Mäßigkeit und Stärke der Seele im Wege ständen. Dieses Gebot war allgemein. Den Eingeweihtereu legte er noch besonders an's Herz, alle überflüssigen Arten von Speisen von sich fern zu halten. Sie sollten weder Fleisch essen noch Wein trinken noch den Göttern Opfertiere schlachten und überhaupt auf keine Weise Lebendes verletzen. Er selbst lebte so, daß er sich des tierischen Fleisches enthielt und nur an den nie mit Blut bespritzten Altären betete. Er hielt es für recht, Tiere, welche dieselbe physische Beschaffenheit haben wie der Mensch, zu erhalten und aufzuziehen. Denen, welche ein nicht so reines, heiliges und philosophisches Leben führten, gestattete er gewisse Tiere anzutasten und empfahl ihnen nur die Enthaltung vom Fleischgenuffe während eines bestimmten Zeitraumes an. Doch schrieb er ihnen vor, das Herz und Gehirn nicht zu essen, denn sie seien die Eingänge gleichsam und Sitze des Denkens und Lebens. So hieß er sie endlich des Genusses von Malven, Bohnen u. a> sich enthalten aus religiösen wie aus physischen Gründen." Diese Vorschriften erinnern nicht nur im Allgemeinen an die der mosaischen Gesetzgebung, indem wir hier wie da die ungewöhnliche Erscheinung sehen, daß Speiseregeln überhaupt gegeben und für nötig gefunden werden, sondern wir finden auch einzelne besondere Eigentümlichkeiten des mosaischen Ritus in den pythagoräischen Bestimmungen wieder. Vor allem ist es die Scheidung zwischen demjenigen, was Gott resp. den Göttern gefällig ist oder nicht; denn wie die mosaischen Gesetze ein Ausfluß des göttlichen Willens sind, so begründet auch Pythagoras seine Vorschriften vornehmlich mit dem Gefallen, welches die Götter an ihrer Befolgung finden. Aber die Speisegesetze der mosaischen Religion wie des griechischen Philosophen dürfen, wenn wir die richtige Erkenntnis ihrer Bedeutung suchen, nicht aus dem Zusammenhänge, in welchem sie stehen, herausgenommen und für sich gestellt werden. Die mosaischen Speisegesetze sind ein Glied jener umfassenden Reihe ritueller Vorschriften, aus denen der größte Teil des Pentateuchs besteht. Die Heilighaltung des Sabbaths, die Feier der Feste, die mannigfachen Opfer und Zehnten, die Bestimmung über das Jubeljahr, die rechtlichen Vorschriften über Person und Eigentum und die Regelung des ehelichen Zusammenlebens finden wir gleich den Speisegesetzen als Aeußerungen des göttlichen Willens in dem mosaischen Gesetzbuche niedergelegt. Die verschiedenartigsten' Richtungen des menschlichen Lebens und Wirkens, ja der ganze Kreis des Erdendaseins, wird von dem biblischen Buche umfaßt und durch den göttlichen Willen trotz der Verschiedenartigkeit zu einem großen Ganzen verbunden. So wird das Gesetz Mosis von einem einheitlichen Gedanken getragen, der Heiligung Israels durch den Willen Gottes, und durch die im Pentateuch aufbewahrten Ritualien wird dieser Gedanke verwirklicht. Auch des Pythagoras Bestimmungen über die Speisen sind nur ein einzelnes Glied in seiner Moralphilosophie, welche auch ihrerseits das ganze menschliche Dasein zum Gegenstände hat. Seine Vorschriften über das Opfern, das Beten, die Eltern-, Gatten- und Kindesliebe, den Ernst und die Schweigsamkeit seiner Schüler werden von demselben Geiste getragen wie die Speiseregeln. Den wesentlichsten Vergleichungspunkt zwischen den beiden Lehren finden wir somit wohl darin, daß sowohl die erstere, theologische, wie die letztere, philosophische, in dem Hauptzweck, der Veredlung des Menschen und der Er- 13*