Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 beweist die Tübinger Schule (von Strauß ausgehend», wie verschiedene Zwecke und abweichende religiöse Ansichten die vier Evangelisten leiten. Annähernd kann die Zeit der Abfassung der Evangelien bestimmt werden. Der hebräischen Sprache fremde Redensarten zeigen an, daß die Abfassung zu einer Zeit stattfand, da die Septuaginta die masoretische Uebersetzung verdrängt hatte, sie rührt von Männern her, die keinen Zugangzu dein hebräischen Schriftoriginal hatten. Das wird zur Zeit nach der Zerstreuung durch Hadrian, als das jüdische Volkswesen vernichtet ward, der Fall gewesen sein. Es wird das auch durch die im neuen Testamente herrschende Ansicht über die Pharisäer bewiesen, die sich erst später so bilden konnte. Weit entfernt, daß die Pharisäer jene Hypokriten waren, waren sie die einzigen freien Ausleger und Erklärer des Gesetzes. Jesus selbst gehörte zu ihnen. Ueber den Prozeß, die Hinrichtung Jesus weichen die Evangelisten von einander ab. Abgesehen hiervon, ist der ganze Bericht jüdischem Kriminalgesetz entgegen. Der Prozeß durfte nach jüdischem Gesetze nicht bei Nacht, nicht in dem Hause des Hohenpriesters, nicht am Tage vor dem Feste stattfinden. Nur nach Aussage zweier Zeugen und vorhergegaugener Warnung durfte gerichtet werden, nicht in Folge eigenen Bekenntnisses. Die Hinrichtung durfte auch nicht, wie hier, am Feiertage statthaben. Das Verbrechen selbst, auf welches Jesus verurteilt wird, ist nicht nach jüdischem Gesetze strafbar. „Ich bin Gottes Sohn!" Wie häufig haben die Propheten hinsichtlich des Volkes Israel denselben Ausdruck gebraucht! Ein nüchternes Urteil sollte nach dem evangelischen Bericht glauben, das Verbrechen habe darin bestanden, daß Jesus das heil. Tetragramin Gottes aussprach. Schließlich ist die Kreuzigung keine jüdische Todesstrafe. Alles zeigt auf spätere Zeit und Absichtlichkeit hin. Verfasser hält die Zeit der Abfassung der Mischna für diejenige der Evangelienbearbeitung. Vielleicht gab die evangelistische Erzählung Veranlassung zur schriftlichen Sammlung der jüdischen Tradition, welcher im Volksglauben ein so großer Widerstand entgegen trat. Wenn aber der romantische Jesus nicht bestand, so ist der geschichtliche doch eine Wahrheit. Der Verfasser läßt ihn nach Entfernung der Wunder — die nur eine Vergrößerung alttestamentarischer sind und der höchst schwer beweisbaren genealogischen Abstammung von David hervortreten. Er ist ein Galiläer, geboren in der Zeit jüdischen Drangsals, da jedes jüdische Weib hoffte und ersehnte, einen Messias, d. h. einen Befreier vom römischen Drucke, zu erzeugen. Früh sammelte er sich die ihm dort zu Gebote stehenden Kenntnisse. In der Halachah ward er nicht unterwiesen und gelehrt, aber in der Hagadah, der jüdischen Morallehre und Predigt, ward er ein Meister. So sammelt er sich einen Haufen andächtiger Zuhörer aus dem Volke und nimmt den Platz eines anderen, kurz vorher enthaupteten Predigers, Johannes, ein. Er ist gekommen, das Gesetz zu erfüllen. Nichts schafft er ab. Er weicht-selbst in der Sabbathverletzung nicht vom Talmud ab, der bei Lebensgefahr den Sabbath aufhebt. Sein Gebet „Vater Unser" ist eine Zusammenstellung jüdischer Gebete Seine goldene Regel der Liebe findet sich bei Hillel und noch früher bei Jsokrates. Seine Anhänger selbst proklamieren ihn zum Messias. Er verkündet eine bessere, weltliche Zeit, unter einer gerechten, göttlichen Regierung, unter der er selbst „zur Rechten Gottes" sitzen ivird. Fortgetragen von dieser Ueberzeugung betritt er Jerusalem und erleidet von den Römern, wie so viele seiner Vorgänger, sein