Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Verteilung vor Kirchenthüren und Verbreitung fortschrittlicher religiöser und ethischer Wahrheiten herausgegebenen Traktaten, (Colegrove Book Co. 135 Wabash Ave, Chicago 111) befindet sich ein Vortrag des Rabbiners Hirsch von Chicago, der die sehr verfängliche, wenn auch zeitgemäße Frage behandelt, ob der Jesus, wie ihn die Evangelisten schildern, auch der wirkliche, geschichtliche, sei. Legende und Geschichte sind in den menschlichen Urkunden unzertrennlich verbunden. Legenden sind das Epheu, dessen grüne Blättchen die unschöne, steinerne Wand bekleiden, und unter dem Mantel seines Grüns die Blöße der Unterlage verbergen, sie sind der Protest der Vergangenheit gegen die verkannte und vernichtete Persönlichkeit Die Aufgabe der modernen Wissenschaft ist es, die chemische Verbindung zweier so verschiedener Elemente durch den elektrischen Draht aufrichtiger Prüfung zu zersetzen, zu zeigen, was Wahrheit, was Legende sei. Dieser wissenschaftlichen Aufgabe stellt sich nur zu sehr das religiöse Vorurteil entgegen. Derselbe poetische Instinkt, welcher der Vater der Legende, der idealen Persönlichkeit ist, tritt als ihr Erhalter auf. Bei dem behandelten Thema wird besonders der Verdacht der Nichtjuden rege, als ob wir mit dem kritischen Messer ihre geheiligten religiösen Gegenstände etwa schädigen oder verkleinern wollten. Das ist ferne von uns. Der Verfasser legte vor Kurzem in derselben Weise das Leben Mosis der Kritik offen. Jedes religiöse Gefühl ist heiliger Boden! Wir nähern uns ihm mit abgelegten Sandalen, selbst wenn mit unverschleiertem Auge. Die große Mission des Christentums und seine wolthätigen Wirkungen in der nichtjüdischen Welt zu leugnen, ist nicht unsere Absicht. Für Maimonides schon waren die Töchterreligionen des Judentums Boten göttlicher Wahrheiten für die Heiden. Es ist das auch der talmudische Standpunkt. Aber wenn wir das Gute, welches die Welt durch das Christentum erntete, freudig anerkennen, so können wir doch nicht zugeben, daß das Judentum eine niederere Form religiöser Entwicklung als das Christentum sei, daß das Christentum allein als ein Stern inmitten allgemeiner Finsternis dasteht, und, wenn auch nicht alle Möglichkeiten .menschlichen Denkens, so doch alles Judentum überragt, in sich allein alle vergangenen Jahrhunderte vereinigt, sie mit der Zukunft verbindet, dem Zukunftsmenschen die Gestalt giebt, und die Bedürfnisse und Bestrebungen aller kommenden Zeiten regelt. Noch weniger können wir träge zuschauen, wenn diese Behauptungen laut werden und mit der Kritik des alten Testamentes gegen das Judentnm vorgegangen wird, während das Arsenal der Kritik geschlossen ist, sobald die Erzählungen des neuen Testamentes berührt werden. Der Verfasser beklagt es, daß die neuere jüdische Geschichtsforschung in Amerika unbekannt sei. Selbst christliche Geistliche sind dort unbekannt mit dem hebräischen Alphabete, das Labyrinth talmndischer Untersuchung ist dort vollends ungeahnt. Die Werke Geiger's, Zunz's, Derenburg's, Grätz's, sind kaum gekannt. Renan's Bücher sind vielleicht besser gekannt. Doch Renan ist zu sehr Novellist. Die Kritik des neuen Testamentes liegt brach, wenn auch diejenige des alten anfängt sich Bahn zu brechen. So kommt es, daß man den Erzählungen der Evangelisten völlige, historische Wahrheit beilegt. Die deutsche Schule hat bewiesen, daß in den vier Evangelien vier verschiedene Erzählungen des Lebens Jesus vorliegen, Fragmente, wie selbst der konservative Reuß, Geschichte der N. T. Litteratur) annimmt. Besonders