Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 allgemeinen Schädigung des Judentums. In Folge dieser unsichern Stellung und schlechten Behandlung unserer Kultusbeamten herrscht häufiger Wechsel der Stellen und bei Neubesetzung derselben, sogar oft der besten, Mangel an geeigneten Bewerbern. Kein zureichender Gehalt, unsichere Stellung, unehrerbietige Behandlung, wie Knechte gemietet und entlassen, in fortwährender Sorge für die Zukunft, trotz Verdienst und Anerkennung ohne Sicherheit im Alter für sich und Familie, nach Aufzehrung und Verbrauch aller Kräfte wie eine Citrone ausgegepreßt und weggeworfen, ohne gesetzliche Regelung der Pension und des Witwengehalts, oft selbst in großen Gemeinden, von Almosen und erbettelten Geldern lebend — wer möchte da noch Lehrer oder Rabbiner werden wollen, oder seine Kinder bestimmen, es werden zu sollen? Dieser Mangel an Bewerbern wird durch Einwanderung von Osten gedeckt, aber auch diese ist neuerdings beschränkt worden. Und wer sind in der Regel diese Einwanderer von Osten? Hasen- oder Hosen verkaufende Jünglinge, schnorrende Wanderer, arbeitslose oder bettelnde Handwerker; — dies, Israel, sind deine Lehrer und Kultusbeamten. Aber trotzdem immer noch keine Regung zur durchgreifenden Aenderung und Besserung. Durch solchen Jndifferentismus auf der einen und durch ernstes Zusammenhalten auf der andern Seite ist die Macht der Orthodoxie gewachsen. Indifferente Vorsteher koquettiren deshalb mit der Orthodoxie, um sich in Amt und Stellung zu erhalten und die Gemeinde vor Spaltung und Zerfall zu bewahren; sie unterstützen Männer und Institutionen der Orthodoxie, ohne selbst ein Interesse dafür zu haben, und lassen die Männer und Institutionen des Fortschritts und der Entwickelung fallen. In kleinen Gemeinden sind die Verhältnisse noch zerrütteter: die Aemter werden kumulirt, der beste Lehrer muß auch Schächter und Synagogendiener sein, der schlechte und unfähige auch Prediger, heute mit dem Schlachtmesser in der Hand, erscheint er morgen im Predigerornate zur Trauung oder Grabrede. Wie ist bei solcher Unordnung und Karrikatur Achtung vor unseren religiösen Zuständen bei der Außenwelt noch möglich, wenn wir sie selbst nicht haben? Wie ist da zu helfen, wer wird's bessern? R. Pie Stellung der Iran im vißttfchen Altertum. Bortrag, gehalten zum Besten des Stipendienfonds der „Lehranstalt f. d. W. d. Jud." im Saale der „Gesellschaft der Freunde", Berlin, den 4. Februar 1884 von vr. May bäum. (Fortsetzung.) I. Während selbst bei den gebildeten Völkern des Altertums das Vorurteil verbreitet war, daß die Geburt einer Tochter ein unerwünschtes Ereignis sei, was vielfach zum Töchtermorde führte, galten bei den Israeliten Kinder überhaupt ohne Unterschied des Geschlechtes (Jes. 56, 5. Ps. 127, 3) als ein Gottessegen, wenngleich Söhne als die künftigen Begründer von Familienhäusern willkommener waren. Das Mädchen wurde in der strengen Zucht des Hauses erzogen und erhielt die Anleituung zu all den Tugenden, die dem israel. Familienleben eigneten. Denn Frauenschönheit soll verbunden sein mit edler Sitte, sagt ein 12*