Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 das Gesetz. Die Vorstände sind souverain und sie verwalten die Gemeinde- Angelegenheiten souverain, oft ohne, oft gegen den Rabbiner. Die Rabbiner schweigen des persönlichen und des Gemeindefriedens wegen, der ja auch nach religiöser Vorschrift über Alles geht und vor allem zu wahren ist, für welchen man selbst vor Gesetzesübertretungen ein Auge zudrücken muß. Der Rabbiner schweigt auch oder umgeht die entschiedene Weisung und Sprache, weil er in seiner Stellung direkt oder indirekt vom Vorstande abhängig ist. Fragen wir die Geschichte: alle Hülfe zur Wiederaufrichtung des gefallenen Israel und zur Wiederherstellung seiner zerrütteten Verhältnisse ist zuerst und zumeist von den Priestern ausgegangen. Nach dem Abfall am Sinai durch das goldene Kalb waren es die Leviten, nach der Nichterperiode Samuel, nach dem Exil Josua, der Hohepriester, nach der Griechenherrschaft die Makkabäerfamilie; nachher wurden die Rabbiner die Männer der theologischen Wissenschaft und sie sind es heute noch, viel ausschließlicher sogar als ehedem. Jetzt aber stehen ausschließlich an der Spitze der Gemeinde Männer, denen meistens Kenntnis von der Religion und Interesse dafür abgeht. Man sagt: In den Schulen und durch den Unterricht der Jugend wird die Zukunft gestaltet; Rabbiner und Lehrer, welche den Jugendunterricht in Händen haben, sollen es zu bessern suchen. Indes hat die Schule nicht allein die Erziehung des Menschen in der Hand, dieselbe wird noch stärker von Haus und Leben bedingt; diese verhalten sich aber gegen die Schule oft gleichgültig oder gar oppositionell. Daher verhalten sich auch oft Vorsteher, teils aus Unkenntnis, teils aus Gleichgültigkeit oppositionell zur Religion, wie im Leben, so auch in ihren amtlichen Beziehungen. Bibel, Talmud, Geschichte, Entwickelung und Bedürfnisse des Judentums kennen sie nicht und berücksichtigen sie nicht; sie sind souverain und kennen nur den zum Beschluß erhobenen eignen und persönlichen Willen des Vorstands. Welche Vorsteher finden sich da! Oft solche, welche den Zusammenhang mit dem Judentum aufgegeben oder verloren haben, die, wenn sie nicht getauft sind, doch der Taufe nahe stehen, sie selbst oder, wenn nicht alle, doch einzelne Familienglieder; die meistens nur ihres Reichtums oder Einflusses wegen gewählt worden sind und sich haben wählen lassen, um Stellung und Macht zu gewinnen und zu entfalten, da eine solche sonst den Juden zu fehlen pflegt. Die ganze Vorstandswahl wird dadurch zu einer Geld- und Machtfrage, hört auf, eine religiöse zu sein. Vom Besuch des Gottesdienstes, einem regelmäßigen zumal, von Interesse für andere religiöse Institutionen ist bei solchen Männern keine Rede; dagegen macht sich ihr Einfluß sehr oft gegen den Rabbiner geltend, wo dieser bei einer solchen Vernachlässigung der religiösen Interessen glaubt, für diese eintreten zu müssen. Zu einem Rabbiner kam jüngst ein Vorsteher mit seinem noch im schulpflichtigen Alter stehenden Sohne, um sich für diesen Unterricht im Schulchan Aruch zu erbitten. Der Mann stand sonst dem Judentum ziemlich fern, und sein Sohn war noch nicht weit über die Anfangsgründe des hebräischen Unterrichts hinaus. Zu welchem Zwecke, frug der Rabbiner? Damit mein Sohn, war die Antwort, dereinst, wenn er Vorsteher wird, selbst Nachlesen könne, was das Religionsgesetz vorschreibt, und so von der Entscheidung des Rabbiners nicht mehr abhängig sei. Also mit dem Schulchan Aruch in der Hand glaubt man, das Judentum leiten und maßregeln zu können, nach dem Buchstaben, nicht nach dem Geiste entscheidend. In den Land- und kleinen Stadtgemeinden haben unter der anmaßenden Alleinherschaft der Vorsteher, welche oft auch noch ungebildet und roh sind, Lehrer und Rabbiner zumeist zu leiden, nicht blos zu deren, persönlichem Nachteil, sondern auch zur