Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-05-01 · Heft 5 (1.5.1885) · p. Seite 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 5 (1.5.1885)
Date
1885-05-01
Page
Seite 110 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969726-2969732--1349-2971805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

110 eine Proklamation anheften lassen, in welcher er in väterlicher Weise die Gymnasiasten jüdischen Glaubens ermahnt, doch lieber das Studiuni aufzugeben, da sie ja doch wegen ihrer Konfession keine Aussicht hätten, ihre Kenntnisse in Zukunft verwehrten zu können. Auf höhere Ordre ist diese Bekanntinachung sofort entfernt worden. Was doch alles weise Schuldirektoren für an Wahnsinn gränzende Schrullen haben können! — Das Urteil des Krakauer Schwurgerichtes, welches über Moses Kitter den Tot verhängte, wurde vom obersten Gerichtshof verworfen und dem Landesgerichte zu Krakau aufgetragen, die Untersuchung dieses Falles neu vorzunehmen. Neuesten Nachrichten zu Folge will die Staatsanwaltschaft sogar von der Anklage zurücktreten. — In einem kleinen Orte im Preßburger Komitate kam es im Monate Februar zu Aufständen gegen die Juden, und in Budapest wurde Herr Goltlieb Hirsch beschuldigt, ein sechsjähriges Mädchen entführt zu haben. Die Staatsanwaltschaft untersuchte die Sache und es stellte sich heraus, daß die Antisemiten wie auch noch in einem anderen Orte in Ungarn vor dem Pesachfeste die Mähr vom Gebrauche des Christenblutes aufwärmen wollten. — In Kaschan wird ein gar eigentümlicher Prozeß zur Verhandlung kommen. Ein wohlhabender Mann verkaufte an einen Schnorrer alle seine Sünden, die er begangen und einen Monat darüber noch begehen werde, um 50 fl. und ließ sich eine Erklärung hierüber unterschreiben. Der Verkäufer schlich dem sündenbeladenen Bettler nach und stahl ihm die 50 fl., denn er dachte, er habe ja auch die Sünden für einen Monat mit auf sich genommen. Der Schnorrer klagt nun. 'Dieser uns ganz fremd klingende-Ablaßschwindel grassirt, wie die „Zukunft" berichtet, auch in England unter polnischen Juden und in Rumänien ist ein gewisser Goldschmied als Sündenverkäufer bekannt. — Die neuesten Nachrichten über die bevorstehende Verehelichung des Herrn Alexander Popper von Podraghy mit Fräulein von Castrone lauten dahin, Papst Leo hätte die Dispens zur kirchlichen Trauung mit einem Juden, wie es anfangs hieß, nicht erteilt. Interessant ist es, daß Baron Leopold Popper von Podraghy ebenso gut in Rom anklopft, wie als orthodoxer Jude früher bei dem Rabbi von Neusandec, der die Genesung der Tochter des Barons, über deren Krankheit er befragt wurde, nur dann in Aussicht stellte, wenn die Patientin ihr eigenes Haar ablegen würde, was auch geschah und Erfolg hatte. — Der „Fortschritt" hat in einer seiner letzten Nummern eine Rubrik „Reformvorschläge" gebracht, in welchen unter Anderem auch befürwortet wird, das Verbot des Genusses des Schenkelfleisches rituell brauchbarer Schlachtthiere resp. der Gid-ha-Nosche aufzuheben, das Gebot der Schwagerehe und der „Chaliza" zu beseitigen und den Brauch des Ausschuhens am Jom-Kippur aufzulassen. — In Budapest hielt Herr Joachim Schreiber Rabbiner der orthodoxen Gemeinde, in der Synagoge eine fulminante Rede gegen den Präses der orthodoxen Kanzlei, Herrn Ignatz Kelch, in welcher er dessen Gebühren bei dem Walzmühl-Pesach-Mehl brandmarkte. Es soll eine Versammlung der Orthodoxen des Landes dieserhalb zusammenberufen werden. Wir sehen aus diesen Zuständen, wie Recht Herr vr. Karmann hatte, der in der Generalversammlung der isr. Religionsgemeinde in Budapest den Antrag stellte, dieselbe möge der jüdischen Litteratur ihre Thätigkeit zuwenden, einen Kulturverein ins Leben rufen und eine Bibliothek gründen, denn nur die wissenschaftliche Erkenntnis wird das Judentum vor Entstellung und Mißhandlung, die es so von seinen eigenen Bekennern oder besser Verkennern erfährt, zu schützen im Stande sein. — Der sogenannte mährisch-jüdische Landesmassafond erreichte am 31. Dezember 1884 die Höhe von 1,029,741 fl. 64 Kr. Verausgabt wurden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.