Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1885)
- Date
- 1885-05-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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109 abgelehnt, welche die Vertretung der Israeliten im Oberhause verlangt, trotzdem einer der Magnaten den Ausspruch gethan: „Beweisen wir, daß die Ungarische Magnaten-Tafel noch jetzt die Fackel der Aufklärung schwingt. Für den Antrag trat auch Baron Stephan Essterhasi ein. Gegen den Antrag sprach sich am schärfsten Graf Stephan Karachi aus. Dem Rufe „Hinaus mit den Juden", der in den verschiedensten Variationen im ungarischen Abgeordnetenhanse zu vernehmen war, hat sich ein unglücklicher Schuster, Namens Johann Duhan;, der auch an der fixen Idee des Antisemitismus krankt, zugesellt. Er sah sich veranlaßt, seinen Schusterleisten zu verlassen und sich nach der Galerie des Abgeordnetenhauses zu begeben, von wo er laut die Worte ertönen ließ: „Hinaus mit den Inden aus dem Hause der Nation! Das ist eine Schächterbande, das Land ist an die Inden verkauft!" Die Abgeordneten, weil es nicht einer ihrer Kollegen war, riefen wie mit einer Stimme von den Sitzen emporspringend: „Ein Irrsinniger!" An derartigen Jrsinnigen, die nicht zur Polizei abgeführt werden, fehlt es unter der Gallerie im ungarischen Abgeordnetenhause gerade auch nicht. Am 19. März 188b besprach der Herr Abgeordnete Dr. Bloch im österreichischen Hause der Abgeordneten die Affaire.Rachel Stieglitz, eines Mädchens, das vor ungefähr 3 Jahren aus dem Hause seines Vaters Chiel Stieglitz in Krakau verschwand,getauft, und seinen Eltern vorenthalten wurde, mit besonderer Beleuchtung der Krakauer Justiz und des Vorgehens der dortigen Polizeiverwaltung. Justizminister Dr. Freiherr von pra;ak hat die nötigen Schritte eingeleitet, um Licht zu schaffen. Gelegentlich der Unterrichts-Budget-Debatte sagte der Abgeordnete pater Greuter „Wenn die Dinge an der Wiener Universität eine Zeitlang noch so fortgehen, so hört dieselbe auf, eine Universität zu sein, sie wird eine zweite orientalische Akademie". Er meinte das in Bezug auf 64 Professoren, welche nach dem Kataloge semitischer Abstammung seien. Der Unterrichtsminister Conrad erwiederte dem abendländisch gesinnten Pater, er könne die wohlgemeinte Mahnung des Herrn Abgeordneten nicht benutzen, weil er die von ihm angeführten ziffermäßigen Daten zu kontrollieren nicht im Stande sei. „Ich führe", sagte er, „kein Verzeichnis der Lehrer nach Konfessionen, ich weiß nicht zu welcher Religion sich dieser oder jener Lehrer bekennt, weil bei der Ernennung nicht auf das Glaubensbekenntnis, sondern auf die Tüchtigkeit, wissenschaftliche Begabung und dergleichen Verdienste gesehen wird. Es wird um die Konfession gar nicht gefragt." — Gegen den Antisemitismus äußerte sich der Redakteur Dr. pikert in praskowitz in Böhmen ganz energisch. Nur die vollständige Gleichberechtigung der Juden mit den andern Staatsbürgern werde die' borhandenen Uebelstände nach seiner Meinung zu beheben im Stande sein. In Oesterreich zeigt man sich überhaupt entschlossen, den antisemitischen Wühlereien zu begegnen, indem man die Volksversammlungen gehörig überwacht. So wurde eine antisemitische Versammlung in Dreher's Lokalitäten in Wim, nachdem die Rufe zur Mäßigung nichts halfen, polizeilich aufgelöst. Der Staat, erblickt mit Recht in solchen Wühlereien eine Gefahr für sich selbst. — Fräulein Iosephine IureK in Wim» die Verfasserin einer antisemitischen Brochüre, wurde mit Konfiszierung des Buches bestraft. — Als ein Zeichen guten Einvernehmens zwischen Juden und Christen in Mailand ist es anzusehen, daß sechs Juden in den Gemeinderat daselbst gewählt wurden. — Am 21. Februar starb in Wieliccha der Prälat Sigmund Golian. Auch die jüdische Bevölkerung beklagt aufrichtig den Tot des würdigen Geistlichen, der seinen ganzen Einfluß aufgeboten, um das friedliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden aufrecht zu erhalten. — In C;rrnowih hingegen hat der Direktor des Gymnasiums am schwarzen Brette