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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-05-01 · Heft 5 (1.5.1885) · p. Seite 102

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 5 (1.5.1885)
Date
1885-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 künde, wie z. B. der Glossator des Schulchan Aruch, R. David Halewi, geben es unbedenklich zu, daß man, um einige Mühe zu ersparen, zum Zwecke der Leichenbestattung an den zweiten Feiertagen von einem Orte zum andern reiten dürfe. Bekanntlich hat Herr Professor Lazarus jüngsthin als Mitglied des Gemeindevorstandes in Berlin einen Antrag, die Leichenconducte an den zweiten Feiertagen zu gestatten, befürwortet. Wir ersehen aus den bisherigen Anführungen, daß ihm bedeutende Autoritäten des Mittelalters zur Seite stehen. Uebrigens hätte er sich auch auf die der israelitischen Synode zu Augsburg vorgelegten Referate berufen können, in welchen, besonders in dem erschöpfenden Gutachten von dem verewigten Oberrabbiner Löw irr Szegedin, in überzeugender Weise nachgewiesen ist, daß das Fahrverbot selbst für die ursprünglich eingesetzten Ruhetage jeder stichhaltigen Begründung entbehrt. Die Gegner des Antrags, die bei der Verhandlung über denselben den Sieg davon trugen, können höchstens Opportunitätsgründe, gegen die freilich mit allen wissenschaftlichen Beweisen nicht aufzukommen ist, geltend machen. Daß gegen Leichenconducte zu Wagen an den zweiten Feiertagen vom religionsgesetzlichen, richtig orthodoxen Standpunkte nichts einzuwenden ist, steht außer Zweifel, es sei denn, daß man, um bei dem Spiel der Scheinorthodoxie nicht aus der Rolle zu fallen, das Mittelalter an Peinlichkeit überbieten wollte. Gin Stimmungsbild aus Ungarn. Nach langem, starrem Winterschlafe, der aber so manchen Sommer überdauerte, reckt das Schneewittchen der Sturmjahre 1789 und 1848 wieder einmal die Glieder, dehnt und streckt sich in seinem Prokrustusbette, in welches der Stabilismus, die Süffisance und die von der Selbsttäuschung verursachte Zufriedenheit mit den aus den Regionen der oberen Zehntausend erhaschten Brosamen aristokratischer Huld und Gnade es gezwängt, reibt sich den Schlaf aus den Augen und fragt sich erstaunt: Wo bin denn ich eigentlich? - Demokratie! Ist es uns, die wir den großen parlamentarischen Leistungen Franz Deäks und Eötvös's wie einer neuen Heilsbotschaft über Gleichheit und Religionsfreiheit gelauscht, nicht zu Mute, als wenn der trauliche Ton eines längst verklungenen Liedes unser Ohr streifte? — Seit einem Lustrum und auch darüber hinaus werden gar viele Schlagworte in die gedankenlose Masse geschleudert, die, nachdem sie Petarden gleich entweder gezündet oder wirkungslos verpufft, in die Rumpelkammer interessanter Antiquitäten wandern; — die „Demokratie", sie war gar nicht genannt, ist ans dem politischen Tageskurs gekommen, und es dauerte lange, bis die verwunschene Prinzessin, die einst große Völker huldigend zu ihren Füßen sah, von ihrem Zauberbanne erlöst wurde. Und merkwürdig genug wurde dies in den jüngsten Tagen von den entgegengesetzten Polen unserer Gesellschaftssphären aus bewerkstelligt. Ein Mann aus der hohen Aristokratie trat anläßlich der Debatte über die Oberhausreform im ungarischen Abgeordnetenhause auf den Plan und legte, wenn auch sichtlich beengt durch das schwere feudale Rüstzeug, eine Lanze für die Demokratie ein, und ein Mann aus

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