Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1885)
- Date
- 1885-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969726-2969732--1338-2971794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
99 Volkslebens entgegentritt, Ihr Wolgefallen sich erringen, ohne daß Sie dabei an die Mißachtung des weiblichen Geschlechtes bei den anderen coetanen Völkern des Altertums, oder gar an das niedrige und widersinnige Leben zu denken brauchen, zu welchem selbst noch der Islam das Weib herabgewürdigt hat. Jede Schönfärberei soll meiner Darstellung fern bleiben. Ich halte es für notwendig, dies von vornherein zu betonen. Die heiligen Urkunden des alten Israel bieten nämlich für eine Schilderung des israelitischen Frauenlebens keine zusammenhängende, alle Aeußerun gen weiblichen Denkens und Empfindens umspannende Erzählung oder Gesetzgebung, und ich bin daher genötigt, aus dem ganzen Gebiete der biblischen Literatur die hier und dort eingestreuten Bemerkungen und Notizen zusammenzutragen, um daraus das Ihnen vorzuführende Gesammtbild zu gestalten. Da ich aber bei der Unzuträglichkeit, Ihnen überall die Quellen anzugeben, für meine Aufstellungen an Ihr Vertrauen appellieren muß, so erachte ich die Erklärung nicht für überflüssig, daß ich nichts Thatsächliches behaupten werde, was ich nicht durch eine Stelle in der Bibel zu belegen vermag. Für die Würdigung der Stellung und Aufgabe des Weibes im biblischen Altertum besitzen wir in dem 2. und 3. Kapitel des ersten Buches Moses gewissermaßen einen Kanon, von dem wir hier ausgehen zu müssen glauben. Es ist in diesem Stücke auch nicht ein Punkt außer Acht gelassen, der für die Beurteilung der Wertschätzung des Weibes in Frage kommt; und bei dem Umstande, daß uns hier nicht eine Erzählung wirklicher Vorgänge, sondern nur die Auffassungsweise der Offenbarungsreligion von den bedeutsamsten sittlichen und religiösen Verhältnissen des Menschenlebens geboten wird, muß hier jedes Wort erwogen und jeder Wink berücksichtigt werden. In dem Teile nun, der uns hier interessirt, wird Folgendes berichtet: „Und es sprach der Ewige, Gott: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm machen eine Gehülfin wie ihm gegenüber ..... Und es lies fallen der Ewige, Gott, ein Betäubung auf dm Menschen, so . daß er einschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und schloß Fleisch an ihrer Statt. Und es baute der Ewige,. Gott, die Rippe, die er genommen hatte von dem Menschen, zu einem Weibe und brachte sie zu dem Menschen. Da sprach der Mensch: Dieses Mal ist es Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleische; diese werde genannt Männin, denn vom Manne ist diese genommen worden. Darum verläßt der Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt an seinem Weibe, und sie werden zu einem Fleische." . , Wir gewinnen hier über unsere Frage die wichtigsten Aufschlüsse. Das Weib wird genannt die Gehülfin des Mannes: sie ist also nicht das müßige Spielwerk seiner Laune, kein unthätig hinlebendes Wesen, sondern die Genossin seiner Arbeit und seiner Freude. Sie wird aber als die dem Manne gegenübestfteheZdle, d. h. gleichberechtigte Gehülfin bezeichnet, und es wird damit angedeutet, daß das Weib mit dem gleichen Rechte sittlicher Persönlichkeit ausgestattet wurde und darum nicht die Sklavin männlicher Lust und Roheit sein dürfe. Sie ist ferner aus der Rippe des Mannes gebildet, womit nicht blos angedeutet wird, daß das Weib wie der Mann im Ebenbilde Gottes geschaffen wurde, sondern es soll damit auch hervorgehoben und erklärt werden der geheimnisvolle Zug, der zur Verbindung des Mannes mit dem Weibe führt. 10