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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-04-01 · Heft 4 (1.4.1885) · p. Seite 79

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 4 (1.4.1885)
Date
1885-04-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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79 „Gedanken" vortragen läßt, die denselben auf die Idee brachten, den christlichen Glauben anzunehmen. Daß dieser bei seinen früheren Glaubensgenossen sich desungeachtet als „Jude" einführt, muß allerdings ein wenig befremdlich erscheinen,, aber wenn .wir hören, daß für ihn ein ganz apartes Christentum hergerichtet wurde, nämlich ein Christentum ohne Christus, dann werden wir es begreiflich finden, daß er sich noch immer einen „Juden" nennt, und daß er ein^solcher ist, das bestätigt ihm unser „wirklicher Jude" in optima korma. „Jude", erklärt derselbe, „ist jeder, der deu Glauben an Gott nicht abgeschworen hat", und wenn er auch alle Satzungen und Vorschriften der mosaischen Lehre außer Acht läßt und einen blauen Teufel danach frägt, ob seine Lebensweise mit der religiösen und sittlichen Ordnung des Judentums übereinstimmt, thut nichts, „das hat er blos mit seinem Gewissen abzumachen"! Dieses „Gewissen" ist die Kste und letzte Instanz in allen Fragen der praktischen Moral und Religionsübung, es ist sein unumschränkter Souverain, der nach Gott und Menschen nichts zu fragen hat und ein Majestätsverbrechen wäre es, es in seiner Selbstbestimmung beschränken oder gar bevormunden und überwachen zu wollen. Man kann also den Sabbat schänden, alle Gesetze mit Füßen treten, hebräisch oder deutsch oder gar nicht beten, ein Atheist und Gesetzesübertreter comme 51 faut und dennoch bei dem Allem ein ausgezeichneter Jude sein, das „Gewissen" ist ja da, der Gott, der alle Sünden verzeiht nnd allein zu bestinimen hat, was erlaubt und was verboten ist. Natürlich ist unter diesen Umständen eine Reform des Judentums, die der Christ ohne Christus und ebenso der „wirkliche Jude" perhorrescirt, dasUeberflüssigste von der Welt, da, Gott sei Dank, jeder sein Gewissen hat und es mit seinen religiösen Angelegenheiten sich so einrichten kann, wie es ihm beliebt, ohne daß ihm deshalb jemand sein Judentum streitig machen oder ihm mit der Ausführung der'ibiblischen Vorschrift: „du sollst deinen Nebenmenschen zurechtweisen" die man, auch wenn man dafür Flüche und Schläge heimträgt, zu erfüllen hat, — auch darüber kann ja das „Gewissen" beruhigen — lästig werden dürfte. Was soll ihm dann daran liefen, ob das Judentum als alter Torso seine Existenz fristet oder in neuer Entwicklung sich fortgestaltet? Er hat ja, um als Jude zu gelten, blos die Vorsicht zu gebrauchen, daß er Gott nicht abschwört, und so thöricht wird er wol nicht sein; der religiöse Jndifferentismus, bei welchem man sich überhaupt keine Gedanken zu machen braucht, ist doch viel bequemer als der prinzipiell erklärte und offen ausgesprochene Atheismus, der doch immer eine ernste philosophische Anschauung voraussetzt. Der „wirkliche Jude" belehrt daher den Juden des Hrn. Schwalb in ganz zutreffender Weise. Dieser hätte, um die Gesetzeslast des bestehenden Judentums von sich abzuwälzen, es gar nicht nöticj gehabt, sich von demselben loszusagen; diesen Vorteil, den er durch den Eintritt in die Christenheit erlangen wollte, hätte er auch als Jude haben können. Da war er mit allen seinen „Gedanken" doch nicht so klug als unser „wirklicher Jude". Das eine müssen wir aber selbst auf die Gefahr hin, daß wir damit den heiligen. Zorn des orthodoxen „Israelit" auf uns laden, doch noch bemerken, daß uns zwischen seinem „wirklichen Juden", der die Vergötterung des individuellen Gewissens proklamirt, und dem nicht wirklichen Juden des Hrn. Schwalb, der sich ein Christentum nach eigenen Gedanken konstruiert, kein gar so großer Unterschied zu bestehen scheint. Letzterer zeigt uns wie man ohne den Glauben an die Dreieinigkeit und die Gottheit Jesu ein guter Christ sein kann; ersterer, wie man das Kutiststück fertig bringt, Gottesleugner und Gesetzesübertreter zu sein und zugleich ein orthodoxer Jude! —_

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