Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1885)
- Date
- 1885-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Religion und Gottesdienst ein Bedürfnis sei. Alle Verbesserungen im Gottesdienste der Reform haben sich deshalb mit der Zeit als hinfällig und wirkungslos erwiesen, der Gottesdienst der Freisinnigen verfällt aus Mangel an Teilnahme. Auch bei einer andern Frage unserer Tage, wo nian so sehr des belehrenden Wortes der Rabbiner bedurft hätte, schweigen diese. Bekanntlich ist die Dispensation vom Schreiben am Sabbat für jüdische Schüler neuerdings wieder in Frage gestellt worden. Wir haben nicht die Absicht, das Verbot des Schreibens am Sabbat hier theologisch zu erörtern. Wir heben nur die einseitige Auffassung von der Bedeutung und Feier des Sabbats hervor, welche den Besuch der Schulen und alle Anstrengungen des Lehrens und Lernens seitens der jüdischen Lehrer und Schüler für erlaubt hält oder doch widerspruchslos gut heißt und nur das Schreiben für verboten erklärt. Schon bei den früheren Rabbinerversammlungen ist die Frage erörtert, aber nicht zum Austrag gebracht worden, weil man erklärte: wenn man das Schreiben verbiete, müsse zunächst der Besuch der Schulen verboten werden. Wir verkennen die Schwierigkeit, vielleicht gar die Unmöglichkeit nicht, welche hierfür vorliegt, aber man lasse doch auch nicht glauben, daß in der einseitigen, formalen Beobachtung des Sabbats, welche sich auf die Vermeidung des Schreibens beschränkt, allein schon für die wahre Sabbatfeier genug gethan sei, während für die ideale, religiöse und sittliche Hebung unsrer Jugend am Sabbat fast durchweg nichts geschieht. Woher soll da ein Wissen vom Judentum und eine Begeisterung für dasselbe kommen, wenn die gottesdienstliche Pflege desselben durchgehend fehlt, weil die Schule daran hindert? Wir meinen, wenn die öffentliche Schule sich nicht nach dem Gottesdienste richtet, so muß sich unser Gottesdienst nach der Schule richten, damit unsre Jugend dabei nicht mehr leer ausgehe. Aber da läßt man über das Schreiben am Sabbat die Orthodoxie einen Lärm erheben und die Freisinnigen nehmen Teil daran, wie wenn darüber allgemeines Einverständnis herrschte, daß die Vermeidung des Schreibens am Sabbat allein schon genüge, um die religiöse Gesinnung und das religiöse Leben unserer Jugend hinreichend zu stärken und zu erhalten. Nein! unsre Jugend bedarf der Einrichtung einer idealen Sabbatfeier. Dafür aber bedürfen wir zunächst der Erweckung des, religiösen Interesses und Lebens bei den Freisinnigen. So die Rabbiner nur erkennen, daß sie bei diesen Halt und Stütze finden, werden sie nicht verfehlen, auch für die Einrichtung einer idealen Sabbatfeier bei der Jugend zu wirken. Jndeß liegen der Fälle genug vor, daß sie hierfür keine Stütze und Beteiligung, wol aber Gleichgültigkeit oder gar Widerstand gefunden haben. Die Exemplifikation durch Thatsachen könnten wir nachliefern. Der Vorstand selbst unterstützt die Rabbinen nicht in ihrer Wirksamkeit, ja umgeht sie sogar in Fragen, für welche ihm Sachkenntnis und Beurteilung abgehen. Da verdenke man es den Rabbinern nicht, wenn sie unaufgefordert und ohne Aussicht auf Erfolg nicht reden und handeln. Der Vorstand kennt seine Souveränitätsrechte und übt sie, aber wahrlich nicht zum Vorteil des Judentums und der Religion in Synagoge und Leben. K. Schwalb's Gßnst und das pseudoorrfiodore Judentum. Ein „wirklicher Jude" wendet sich, wie der „Israelit" meldet, gegen Hrn. Schwalb, der im „Frankfurter Journal" seinen „Juden" die bekannten