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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-04-01 · Heft 4 (1.4.1885) · p. Seite 77

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 4 (1.4.1885)
Date
1885-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 nicht so thun wollen, wie wenn man es wäre: Darin liegt der Stillstand, in der Entwickelung des Judentums begründet, dies kommt dem Rückschritte gleich. Man beruft sich auf die Bibel, auf die Propheten, welche gegen die Opfer eifern, zur Zeit selbst, als Tempel und Opferkulus noch bestanden, und hält doch im Prinzip daran fest. Die konservative Orthodoxie behauptet zwar, die Propheten haben nur gegen den Mißbrauch im Opferkultus geeifert, aber nicht gegen diesen Kultus selbst. Jndeß nicht nur Geist und Wortlaut der Bibel sprechen dagegen, sondern auch die Geschichte der Juden im Exil und die Entwickelung des Judentums beweisen, daß die Führer des Volkes bei der Restauration des Tempels an eine Wiederherstellung des Opferkultus nicht dachten; vielmehr eiferten sie für die Einführung des Gebetkultus, wie man einen solchen bereits im Exil eingerichtet hatte. Die Priester uud deren Anhang eiferten dagegen für Wiederherstellung des Opferkultus, und nach einem Kompromiß zwischen Orthodoxie und Reform damaliger Zeit wurde Opferkultus neben Gebetkultus, Priesterdienst neben Laiendienst eingerichtet. Von den Kämpfen um diesen Kompromiß zeugen deutlich noch die biblischen Bücher: Maleachi, der letzte der Propheten, und der zeitgenössische Esra. Nach Zerstörung des zweiten Tempels wurde der Opferkultus ans's neue unmöglich. Daß man damals die Gebete um Wiederherstellung des Opferkultus einführte, ist um so begreiflicher, als man damals auch an eine politische Hexstellung des Reichs glaubte, wie der Aufstand Barkochba's (2. Jahrh.) beweist. Ja später noch, in den Zeiten des christlichen Kaisers Julian, der wegen seiner Hinneigung zum Judentum und seiner Freundschaft mit den Juden der „Abtrünnige" (apostata) genannt wurde, versuchte man den Wiederaufbau des Tempels (4. Jahrh.). Nach dem Abschluß des Talmuds stand die Entwickelung des Judentums, woran selbst die talmudische Zeit noch partizipirte, still. Selbst der Karäismus war nur dem Scheine nach eine reformatorische Entwickelung im Judentum, vielleicht gar ein Rückschritt zu nennen, indem er das Prinzip der Entwickelung leugnete und zum Festhalten an dem starren Buchstabenglauben des mosaischen Bibelworts zurückkehrte. Erst die spanische Richtung begünstigte die freie Richtung wieder. Maimonides erklärte darum die Opfer, selbst ihrer ursprünglichen Einführung ins Judentum nach, als eine Koncession an die Richtung, als eine Anpassung an die Gewohnheit der frühern Zeit und stellte den Gebetkultus höher, als den Opferkultus, was selbst der Talmud als richtig zugesteht (Berach. 32, b). Nach solchen Grundsätzen der Alten und bei der Bildungsstufe und Anschauungsweise unsrer Zeit ist der Glaube an eine Wiederherstellung der blutigen Opfer und ein ernster und wahrhaftiger Wunsch für eine solche nicht mehr vorauszusetzen. Das Reden darüber ist nur ein Anklammern an das überlieferte Wort und die herkömmliche Sitte. Wir machen aber dennoch den Rabbinern selbst fortschrittlicher Richtung keinen Vorwurf, daß sie keine Anträge auf Abänderungen im Kultus stellen, weil sie keinen Halt- und Stützpunkt dafür in der Gemeinde finden. Die Orthodoxen sind Gegner der Reform und die Freisinnigen sind gleichgültig dagegen, sind aller Religion abgestorben und so auch der Reform des Judentums nicht bedürftig. Ihnen ist Religion und Gottesdienst kein Bedürfnis, sie überlassen darum auch Judentum und Synagoge den Orthodoxen. Selbst wo sie sich in den Vorstand und die Verwaltung der freisinnigen Gemeinde wählen lassen, geschieht dies nicht, um im eignen Interesse Religion und Gottesdienst zu pflegen, sondern sie lassen sich sogar herbei, den Anforderungen der Orthodoxen zu genügen, weil nach ihrer Meinung nur für diese, nicht aber für die Freisinnigen

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