Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1885)
- Date
- 1885-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 bild für alle Menschheit werden. Schließt Euch dem Ewigen an in des Herzens Reinheit und Treue, verschmähet nicht die weise und gnadenreiche Leitung Gottes und ihr werdet einen Führer und Vorkämpfer haben, vor dem alle Eure Feinde und Wiedersacher sich beugen. Schweiget mit eurer herausfordernden unbesonnenen Rede, bannet die Worte der tückischen Lüge, der eitlen Ruhmredigkeit, der thörichten Anmaßung aus euerem Munde und erwerbt durch unbestechliche Wahrhaftigkeit euch das Vertrauen und die Achtung euerer Mitmenschen, dann wird Niemand es wagen, eueren Namen zu höhnen und euere Ehre in den Staub zu ziehen. Das Gute findet zwar auch immer seine heftigen Gegner und grimmigen Feinde, aber es siegt über alle Anfechtungen, siegt durch sich selbst und bedarf am allerwenigsten der Bundesgenoffenschaft unlauterer und verwerflicher Bestrebungen, um an's Ziel zu gelangen. Gott ist mein Heil, ich fürchte mich nicht, meine Macht, meine Freude ist der Herr, und er bringt mir Rettung. Der Gottessinn und Gottesgeist, der Israels Schild und Schwert seit Jahrtausenden gewesen im Kampfe gegen die finsteren Gewalten, er muß allezeit die innere Lebenskraft Israels, die feste Waffenrüstung sein, in der es gegen seine Feinde einherschreitet — denn wenn Gott für uns und mit uns kämpfet, dann ist unser der Sieg, Ruhe und Frieden erblühen auf den Gefilden der Menschheit und schweigen muß der Haß und verstummen jegliche Feindschaft. Stillstand oder Onlrvickekung im Judentums. Die Orthodoxie hat ein Kriegsgeschrei bei dem Antrag erhoben, welchen man bei der Berliner Beratung über den Normalplan für den israelitischen Religionsunterricht gestellt hat, die Opfervorschriften bei dem Unterrichtsplan fallen zu lassen, weil der frühere Opferkultus antiquirt sei. „Unerhört," „zur Ordnung" rief der orthodoxe Chorus einer solchen Anschauung gegenüber. Aber nur die Hyperorthodoxie rief so und setzt dieses Geschrei fort, die gemäßigte Orthodoxie jedoch stimmt dem Antrag zu, wenn sie auch das Motiv nicht anerkennt. Jndeß wenn man die Berechtigung des Opferkultus für Gegenwart und Zukunft festhält und au die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Wiederherstellung desselben glaubt, dann wäre die Bedeutung der Opfervorschriften für den Unterricht gerechtfertigt. In der alten Zeit war das Opferbuch (Wajikra oder Leviticus, auch Torat Cohanim genannt) das Schulbuch, welches man „das Buch" (Sifra), ohne weitere Bezeichnung, nannte. Wie wir, die Kinder in der Liturgie (oren) unterrichten, so lernten diese früher die Opfervorschriften; denn wie wir den Gebetkultus haben, so hatte man früher den Opferkultus. Bei solchen, den früheren Anschauungen entsprechenden, Grundsätzen müßte man auch zu der früher« Unterrichtsweise wieder zurückkehren. Wenn aber nicht, so verlangen wir auch die. Konsequenz; nicht blos daß die Opfervorschriften in der Schule nicht gelehrt, sondern auch daß in der Synagoge um Wiederherstellung der Opfer nicht gebetet, über den Wegfall der Opfer nicht geklagt werde. Aber diese Konsequenz nicht ziehen, eine solche Schlußfolgerung nicht machen, ist ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Da wäre ebenso gut „unerhört" zu rufen. Diese Inkonsequenz, dieses Koquettiren mit der Orthodoxie, dieser Schein, orthodox sein zu wollen, ohne es wirklich zu sein, oder es wirkich zu sein und doch