Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1885)
- Date
- 1885-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Israels Recht und Freiheit, sie haben zu allen Zeiten sich wiederholt und erneuert, und wenn sie in unfern Tagen, in denen der Geist der Duldung und Gerechtigkeit allwärts seine Siege gefeiert, seine Heimat gefunden hat, dennoch mit ungewöhnlicher Heftigkeit sich gegen uns kehren, so kann man sich darüber ebensowenig wundern, >vie über die Verfolgungen, von denen unsere Vorfahren nach ihrem Anszuge aus Aegypten betroffen wurden. Wie damals ist es auch heute der Anblick der äußeren Herrlichkeit, der ansehnlichen Machtstellung Israels, der in bösen Gemütern Neid und Mißgunst erweckt. Man glaubte sich der Erwartung hingeben zu dürfen, daß das lange geknechtet gewesene Israel des Genusses und Gebrauches der ihm gewährten Freiheit auf eine weite Zukunft hinaus noch gar nicht fähig sein werde, und kommt jetzt zu der Erkenntnis, daß das eine sehr falsche und thörichte Voraussetzung gewesen. Was haben wir nur gethan, fragen sie sich jetzt alle, daß wir die Kinder Israels freigemacht haben? Früher waren sie unsere Knechte, über deren Gut und Leben wir nach Gutdünken schalten konnten und jetzt glauben sie gar, daß sie so wie alle Menschen das Recht haben, Herren ihrer selbst zu sein und das zu thun, was vermöge ihrer Freiheit ihnen zusteht. Vergebens bemühen wir uns, solche Engherzigkeit zu bekämpfen, solch thörichten Wahnwitz zu widerlegen Der Neid verblendet die Geister, die Mißgunst schürt die Flammen des Hasses in den Herzen an, und wo die finstere Gehässigkeit sich der Gemüter bemächtigt hat, da ist für Duldjainkeit und Friedlichkeit kein Boden mehr in ihnen vorhanden. Und so werden denn die niederen Leidenschaften gegen uns in den Kampf gerufen, fürwahr.! ein wildes Heer, eine furchtbare Macht, die, wenn sie einmal entfesselt ist, wie ein verheerender Sturm dahinrast. Werden wir in diesem Kampfe unterliegen? Ebensowenig wie das von Pharao und seinen Aegyptern verfolgte Israel, wenn wir uns an die Losung halten, die damals verkündet wurde: Gott wird für Euch kämpfen, ihr aber schweiget und beruhigt Euch. Dieser Rat, in solch sturmbewegten Tagen zu schweigen, ist gar nicht so übel, wie mau etwa denken möchte. Freilich meinen viele, das Gegenteil wäre das Richtige, es wäre gerade jetzt für Israel an der Zeit zu reden oder gar zu schreien. Vergessen wir jedoch nicht, Israel hat in den guten Zeiten, die es gehabt, gar viel geredet, mehr als es anderen recht, inehr als es für uns selbst gut war. Ueberall sich vorandrängen, überall das große Wort führen, wohl auch den eigenen Illuhm marktschreierisch ausposaunen, wo es angeht, auch mit Lügen den Mund voll nehmen, die Wahrheit niederschreien, Stimmung machen wie man es braucht, — es ist doch nicht so ganz hinwegzuleugnen, daß man in neuerer Zeit in dieser Hinsicht sich manches erlaubt hat und ein klein wenig Besonnenheit und Zurückhaltung manchen denn doch besser angestanden hätte. Mit Schreien und Lärmschlagen werden wir die Bewegung, die nicht zum geringsten Teile eben durch vorlautes und herausforderndes Reden wachgerufen wurde, nicht zurückdrängen und Niederhalten. Noch gefährlicher könnte sie für uns werden, wenn wir etwa mit den Mitteln irdischer Größe sie zu bekämpfen suchten, unseren zeitlichen Einfluß gegen sie aufbieten und durch unsere Ueberlegenheit in unserer Machtstellung sie wettmachen wollten. Das würde noch m§hr die gierigen Blicke des Neides aus Israel hinlenkeu und schließlich auch diejemgen, die uns wohlgesinnt zu sein scheinen, entfremden und in Gegner verwandeln. Es bleibt nichts anderes übrig, Israel muß, wie das von jeher seine Aufgabe sein sollte, das Göttliche über das Menschliche, das Geistige über das Irdische stellen, muß durch innere Hoheit, durch wahre Seelengröße, durch edle Gesinnung, durch Gerechtigkeit, Bescheidenheit, durch sittliche Würde und Wahrhaftigkeit ein leuchtend Vor- 8*