Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1885)
- Date
- 1885-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Buch ist voll religiösen Gefühls und tiefer Glaubensinnigkeit. Er trägt in sich eine glühende Liebe zum Gesetzesstudium, zur Hora li-schemo, und möchte diese uneigennützige, immer seltener werdende Liebe — man lernt ja heute fast nur, um viel schreiben zu können — jedem Juden einflößen, zu welchem Zwecke die abschnittlich geordneten moralischen Betrachtungen dienen sollen, die schöne anregende Gedanken enthalten und an welche sich witzige und geistreiche Exegesen eigener und fremder Produktion, neuer und alter Schablone, anschließen. Daß das Buch, dem man, weil viel Gemüth darin liegt, manches verzeihen darf, in kunstlosein Reime, wie der Verfasser selbst angiebt, geschrieben ist, wollen wir ihm gerne glauben, nichtsdestoweniger ist, besonders in den letzten Blättern, viel Gekünsteltes darin, das zu dem Ganzen nicht paßt; zumal die Spielerei mit den hebräischen Buchstaben in Zahlen, die den altmodischen Darschan noch übertrifft, ist für die Leser deutscher Lettern zu abgeschmackt. Der Verfasser, der da schreibt: „durch Gottes strafende Gerechtigkeit erdulde ich ergeben völlige Blindheit", wird wohl auch in dieses Urteil sich ergeben. Preßburg, im Dezember 1884. Rabbiner vr. David. Meier Epfowic;. Erzählung aus dem Leben der Juden von E. P. Orzesko. Aus dem Polnischen übersetzt von Leonhard Brixen. Mit 26 Illustrationen von M. Andriolli. 2. Aufl. Dresden und Leipzig. Verlag von Heinrich Minden. S. 266. Es war am letztverflossenen Freitagaberld. Mitternacht war längst vorüber als ich die Schlußworte des eben genannten, wundervollen Buches las, die da lauten: „Hat dieser verachtete, fluchbeladene, von Allem entblößte Mann das Ziel erreicht, das er so leidenschaftlich erstrebte? Hat er in der weiten, ungekannten Welt Menschen gefunden, die ihm willig Thüren und Herzen öffneten und ihm den Weg zum Quell des Wissens ebneten? Ist er oder wird er jemals nach seinem Geburtsorte zurückkehren, um mit seiner Vergebung auch zugleich das Licht zurückzubringen, kraft dessen sich dereinst dort die „Ceder des Libanon's" erheben soll, wo vordem der niedere Dornstrauch gestanden? Wir wissen es nicht. Die Begebenheit ist noch zu jung, auf daß sie schon ihr Ende erreicht haben könnte. Aber eben deshalb, weil diese Begebenheit, wie so unendlich viele ähnliche ihrem Ende so fern ist, deshalb mein Leser, welches Stammes Blut auch in deinen Adern fließet, wie und auf welchem Flecken dieser Erde du auch Gott verehrst — wenn dir jemals auf deinem Lebenswege Meier Ezofowicz begegnet, reiche ihm eilig und warm, freundlich und hilfreich die Bruderhand." — Liebevoll, wie nur eine liebende Mutter ihr theures Kind in die unbekannte Ferne entsendet, entläßt unsere geniale Dichterin, vor deren glänzendem Darstellungstalente wir uns in Ehrfurcht und Bewunderung beugen, ihren jugend-. lichen Helden, Meier Ezofowicz, in die weite Welt, ihn, der in seinem Geburtsorte, dem fast ausschließlich von Juden bewohnten russischen Städtchen Sczybäw, einen gewaltigen Kampf mit dem Dämon der geistigen Finsternis zu kämpfen hatte, welcher seine Glaubensgenossen beherrschte. Elise Orzeszko entrollt uns in ihrer Erzählung ein anschauliches Bild von den geistigen Kämpfen der russischen und polnischeil Juden unserer Tage. „Die unglücklichen und unglückbringeuden Tiefen, welche Nacht und Finsternis umgeben und von der übrigen Welt weit absondern", sagt die Dichterin in ihrem Vorworte „bestehen im Judentum so