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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-03-01 · Heft 3 (1.3.1885) · p. Seite 71

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 3 (1.3.1885)
Date
1885-03-01
Page
Seite 71 (sequence 23)
Language
German
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71 gut wie in anderen Glaubensgenossenschaften, ja vielleicht in noch viel ausgedehnterem Maße". Ihr überaus langes Bestehen fußt auf vielen geschichtlichen Gründen und Stammesmerkmalen. Jetzt sind sie Erscheinungen, die den Blick des Denkers und des Künstlers durch den außerordentlichen Einstuß, den sie ringsuln ausüben,. wie durch das ungewöhnliche Colorit, das die geheimnisvolle Dämmerung und die durchschlagenden Lichter erzielen, auf sich ziehen. Und doch, wer kennt sie, wer sucht sie zu erforschen? Selbst diejenigen, die Stammesverwandtschaft und Tradition nach jenen in Finsternis versunkenen Stätten hinziehen sollten, sie senden ihnen weder Maler, noch Apostel, ja sie zweifeln oft an ihrem Bestehen — Wie erstaunt wäre beispielsweise die israelitische Gesellschaft der Hauptstädte, die aus hochgebildeten, ja gelehrten Männern, welche ihrem Berufe nach an der Spitze aller geistigen Bestrebungen stehen, und aus Frauen, die in ihren Reizen, ihrem Geschmack und ihrem Geiste den auserlesensten weiblichen Erscheinungen anderer Gemeinschaften nichts nachgeben, besteht, — wie erstaunt wäre diese Gesellschaft im schwarzen Frack und seidenem Schleppkleide, wenn ihr Jemand plötzlich zu erzählen anfinge, was „Szybüw" ist, und was in Szybow vorgeht! Schon aus diesen Worten kann man deutlich erkennen, daß der Verfasserin bei ihrem Werke vor Allein ein culturelles Ziel vor Augen schwebte. Und darin erblicken wir auch die immense Bedeutung unseres Romanes. — Ich habe es an einer anderen Stelle*) des Näheren ausgeführt, daß der Antisemitismus, wie er gegenwärtig die unklaren Köpfe in Deutschland und Oesterreich-Ungarn in fieberhafte Aufregung versetzt, eine traurige, aber für die Juden ungefährliche Phase des sozial-politischen Lebens unserer Tage darstelle**): Aber wehe uns österreichischen und deutschen Juden, wenn die ungeschlachten, rohen Bauern und- Pöbelmassen Polens und Rußland's, von gewissenlosen Agitatoren aufgehetzt, mit dem Mordstahle in der Hand, sich gegen ihre jüdischen Mitbürger erheben! Die russischen Judenverfolgungen stehen noch in unserer Aller lebhaftesten Erinnerung. Snen wir offen! Unsere Glaubensgenossen in Polen und Rußland bluten an-bösen moralischen Wunden. Uebe.rlassen wir es den Historikern und ruhigeren Zeiten, über die Entstehung dieser Wunden nachzudenken. Unsere, der gegenwärtigen Generation heilige Pflicht ist es, auf jene Wunden den heilenden Balsam der Cultnr und der aufklärenden Erziehung zu legen. Wie das russische Städtchen Szybäw seinen Meier Ezofowicz besitzt, so birgt wohl jede polnische und russische Gemeinde Jünglinge, die gleich jenem sich nach Aufklärung und Befreiuung ans dem Joche der finsteren Vergangenheit sehnen. Wie lauten doch die Worte, die uns Elise Orzeszko zurnft: „Wenn Dir jemals auf Deinem Lebenswege Meier Ezofowicz begegnet, reiche ihm eilig und warm, freundlich und hilfreich die Bruderhand." Dieser ernste Mahnruf der polnischen Dichterin ist in erster Linie an uns Israeliten gerichtet. Leisten wir ihm Folge, bevor es zu spät wird! Warten wir nicht wieder,-bis der gellende Ruf von Raub und Mord über die Grenzen an unser Ohr dringt! Legen wir lieber jetzt, zur Zeit des Friedens, unsere Gabe auf den Altar der Cultur, als daß wir sie zur Zeit der Noch auf den der Barmherzigkeit lege»! „Selbst diejenigen, die Stammesverwandtschaft und Tradition nach jenen in Finsterniß ver- *) u A. in der Borrede zu meinen „Briefen berühmter christlicher Zeitgenossen über die Jndenfrage" **) vgl. den Brief Robert Hamerlings in den „Briefen" und den in dieser Nummer abgedruckten Auszug aus einem Schreibe» des UniversitiUsprofessors Tomasczuk.

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