Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 bedenklich, ja vielleicht gefährlich, von einer jüdischen Nationalität zu reden. — Die öffentliche Versammlung von Schulmännern fand am 29. und 30. Dezember in der Aula der Knabenschule in Berlin statt, um den Normalplan für jüdische Religionsschulen zu berathen. Auf der Tagesordnung standen: Begrüßung der Versammlung durch den Ausschuß des D. I. Gemeindebundes, Konstituirung der Versammlung, Einleitender Vortrag über die allgemeine Aufgabe von Prof.' l)r. Steinthal, Berathung des Normalplanes anlehnend an eine vom D. I. G.-Bunde gegebenen Zusammenstellung des Materials, wobei die Herren Dr. Kroner-Erfurt, Dr. Stein-Cassel, Dr. Uogelstein-Stettin und Dr. Imkermandel-Trier referierten. — Am 28. und 29. August tagte in Stuttgart die Judenmissions-Konferenz, bei welcher von Faber-Leipzig, Danb-Berlin und von Paulus-Cassel Ansprachen gehalten wurden. Letzterer behandelte das Thema „Welches ist der Zweck und die Aufgabe der Judenmission in der gegenwärtigen Zeit?" — In Hannover ist Herr Amtsrichter Dr. Simon mit seiner Familie zur reformierten Kirche übergetreten. Der Konvertit entstammt einer der angesehendsten jüdischen Familien und war bis zum letzten Augenblicke vor der Taufe Mitglied des jüdischen Repräsentanten-Kollegiums. Die Taufe wurde durch den bekannten Prediger von Bremen Dr. ftt. Schwalb vollzogen. Herr Amtsrichter Dr. Simon hat in einer bei Walther und Apolant unter dem Titel „Gedanken eines Juden" anonym erschienenen Schrift dargelegt, was ihn bewogen,, die Synagoge mit der Kirche zu vertauschen. Zur Charakteristik des evangelischen Predigers Herrn Dr. Schwalb wollen wir hier ein Referat über dessen auch bei Walther und Apolant (Berlin 1883) erschienenen Vortrag „Christus und das Judentum", der am 27. Februar 1883 im Reform-Verein zu Berlin gehalten wurde, folgen lassen. Der Verfasser beginnt damit, daß Christentum und Judentum anfangs durchaus nicht schroffe Gegensätze waren. Der Stifter der christlichen Religion war nicht nur ein Jude seiner Geburt und Erziehung nach, sondern er hat auch als solcher gelebt und gewirkt. Er wollte nicht eine dem Judentum entgegengesetzte Religion in's Leben rufen, sondern die ganze Menschheit zur wahren Humanität desselben hinleiten. Er wollte eine Erneuerung des geistigen Lebens in Israel herbeiführen, den Gottesglauben kräftigen und dadurch der Uebung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit im Leben eine mächtige Stütze verleihen. Der einig einzige Gott wurde auch von ihm gelehrt und an ihn als den himlischen Vater sollten alle glauben. Freilich ist er dabei in manchen Punkten über das Gesetz hinausgegangen, was durch Aussprüche bezeugt wird, die in manchen jüdischen Kreisen einen sehr ketzerischen Klang hatten. Schwalb hält es für einen Unsinn zu glauben, die Juden hätten Jesu ans Kreuz geschlagen, das jüdische Volk in seiner Gesamtheit ist rein geblieben von seinem Blute, denn hatte er inmitten desselben leidenschaftliche Feinde, so fehlte es auch nicht an begeisterten Anhängern, die von Verehrung für ihn erfüllt waren. Als Feind der. Römer und des Landfriedens wurde Jesu angeklagt und von Pilatus nach römischem Rechte verurteilt, nicht aber als Feind des jüdischen Volkes und seiner Religion, und nur ein kleines Häuflein, ein Clique strenggläubiger Schriftgelehrter, die Frömmigkeit für Abfall hielten, und falscher Priester, die ihr heilig Handwerk bedroht sahen und von jeher die Propheten verfolgten, und einige Reiche und geistesträge Römerfreunde hatten dabei ihre Hände im Spiele. Weder in seiner Lehre noch in seinem Leben, weder in seinen Worten noch in seinem Geiste, ist irgend etwas zu finden, was eine antisemitische Liga verwerten könnte. Die Gegensätze zwischen Christentum und Judentum müßten aufhören. Die Christen-