Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-02-01 · Heft 2 (1.2.1885) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 2 (1.2.1885)
Date
1885-02-01
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969726-2969729--1272-2971725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36 staunt war das Ballkomit6 neulich, als es eine Vorladung vor den Rabbiner erhielt, welcher die Festlichkeit als eine den Gebräuchen der Religion zuwiderlaufende und daher verwerfliche bezeichnete. Er ersuchte die Herren, sich des sündigen Gedankens für dieses Jahr zu entschlagen, hatte damit aber wenig Glück, denn wenn auch einige dem Wunsche des Seelsorgers entsprechen, so erklärte sich die Mehrheit doch für den Ball, den sie dieses Mal zu einem ganz besonders glänzenden machen wollen. Bald darauf lasen wir: Ein Schulfest seltener Art fand in der geräumigen Turnhalle der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft statt. Schüler und Schülerinnen führten vor einem zahlreich geladenen Publikum Scenen aus den „Makkabäern", dem „Sommernachtstraum", „Maria Stuart" und die Posse „Gott sei Dank, der Tisch ist gedeckt" recht wacker auf. Dazwischen wurden schöne Gesang- und Musikstücke vorgetragen. Eine ganze Mädchenklasse führte kostümirt die Romberg'sche Kindersymphonie recht exakt aus. — Diese Vorstellung läßt sich aber nicht mit anderen ähnlich hier schon von Schülern öffentlicher Schulen in Scene gesetzten vergleichen; das Besondere liegt darin, daß hier, vielleicht zum ersten Male in der Geschichte öffentlicher Schulen, erwachsene 15- und 16jährige Mädchen in Hosenrollen auftraten. Es war recht lieblich anzuschauen, wie diese junge Dämchen es verstanden vor dem großen Publikum sich in der ungewohnten Kleidung frei zu bewegen, und die Herren Primaner sollen besonders ganz entzückt von ihren liebenswürdigen umgewandelten Colleginnen gewesen sein. Eine Bitte um Belehrung in einem vielgeleseuen Frankfurter Blatte von 8—d blieb unbeantwortet. Sie ist aber zu charakteristisch, als daß wir sie unsern Lesern vorenthalten sollten. Sie lautet: „In dem im gestrigen „Stadt-Anzeiger" veröffentlichten Berichte über das Schulfest in der israelitischen Religionsgesellschaft wird ganz besonders hervorgehoben, daß dabei „erwachsene 15- bis 16jährige Mädchen in Hosenrollen auftraten und die Heren Primaner besonders ganz entzückt von ihren liebenswürdigen umgewandelten Kolleginnen gewesen sein sollen." Ich erlaube mir daher die Bitte um Belehrung darüber, ob die im 5. B. Mosis 22,5 befindliche Vorschrift, daß eine Frauensperson keine Mannskleider und eine Mannsperson keine Frauenkleider anthun soll, daß wer Solches thut, ein Gräuel sei vor Gott! von'der israelitischen Religionsgesellschaft als antiquirt und aufgehoben erklärt worden ist." Diese Gaukelei stimmt zu dem in unserer Zeit iticht nur in pseudoorthodoxen Kreisen beliebt gewordenen Anschauung, daß die Religion auf Menschenfang ausgehen, Unterhaltliches bieten, den Sinnen schmeicheln und niederen Gsechmacksrichtungen sich unterordnen muß, um sich die Volksgunst zu erwerben und zu zeigen, daß sie doch auch noch zu etwas gut sei. Das muß man doch sagen, das Judentum prosperiert ganz prächtig unter dem friedlichen Schutze seiner irdischen Vorsehung! Ein Freund unseres Blattes schlug uns bei dieser Gelegenheit aus Heine's Buch „Shakespeares Mädchen und Frauen" die Stellen auf, wo es heißt: „Bei Jessika ist besonders bemerkbar eine gewisse zagende Scheu, die sie nicht überwinden kann, wenn sie Knabentracht anlegen soll. — Die Juden sind ein keusches enthaltsames Volk, ich möchte fast sagen abstraktes Volk und in der Sittenreinheit stehen sie am nächsten dem germanischen Stamme." Dabei setzt das pseudoorthodoxe Judentum sein prophetenschänderisches Treiben fort, Koscher-Ementhaler Käse wird wacker ausgeboten, man schneidet Waizen unter rabbinischer Aufsicht und der Mainzer Israelit läßt sich im Tebeth aus Süddeutschland über das Gänsestopfen schreiben: In neuester Zeit lehrt jedoch die Erfahrung, daß dieses Stopfen der Gänse wieder in Anwendung kommt und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.