Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 wie überall den Fanatismus großgezogen, und die Scheidewand zwischen Juden und Christen bestand fort. Der kleine Volksstamm lebte verbannt und zerstreut in den verschiedenen Reichen und ihr einziges Band, das die Glieder zusammenhielt, war die Bibel. Dieses Buch der Bücher war für sie die gemeinsame Quelle aller Erkenntnis. Daraus schöpften sie die moralische Kraft, die gegen alle Zeitenstürme, gegen Not und Elend, in Sturm und- Drangperioden, sie unerschütterlich erhielt. Sie waren verachtet, verhöhnt, aller Menschenrechte beraubt und fühlten sich glückiich und zufrieden in dem schönen Bewußtsein, daß sie von der höheren Macht einer ewigen, unverwüstlichen Wahrheit getragen werden. Im Schoße einer solchen jüdischen Gemeinde wuchs Isaak Moise Cremieux heran. Wenn er auf die Straße trat und von christlichen Knaben beschimpft und mit Steinen beworfen wurde, zog er sich in das Elternhaus zurück und fragte sich selbst im Stillen: „Habe ich das verdient? Schlägt mein Herz nicht so warm, wie das jener christlichen Knaben? „Haben wir nicht alle Einen Vater? Hat uns nicht Ein Gott geschaffen? Warum sollten Brüder gegen einander treulos sein?" (Melachi 2. 10). Nicht Groll, nicht Haß regte sich in seinem edlen Herzen. Mitgefühl erwachte in seinem Innern und mächtig fühlte er sich zu seinen leidenden Stammesgenossen hingezogen. Wie niedrig und klein erschien bereits jenem jungen Geiste der Volkhause, dessen verfehlte Erziehung Haß und Verachtung nährte. Kann eine Religion Haß und Verachtung lehren? Versöhnung, Liebe sind der Grundton unseres Herzens, aus ihnen gestaltet sich in unserem Geiste das Bild der idealen Vollkommenheit. Für diese beiden göttlichen Tugenden erheben wir unsre Kriegsfahne, mit der wir für Freiheit und Gleichheit kämpfen. Wenn unter dem schweren Drucke alter Traditionen das zarte Herz unsers Cremieux geseufzt, wenn auch er um seine natürlichen und seine persönliche Freiheit verkürzt, von seinen Studiengenossen sich zurückgesetzt sah, dann ist es begreiflich, daß oer edle und strebsame Geist von einem mächtigen Drang erfüllt war, dieses uralte Joch falscher Vorurteile für immer abzuschütteln. Ihm war es gelungen. Als er im elften Lebensjahre das Lyceum, die nach Ludwig dem Großen benannte Staatsanstalt, zum ersten Male betrat, schlug hoch und frei sein Herz. Er fühlte tief, daß mit diesem Schritt auch er dem Staate angehört, daß er ein Staatsbürger geworden. Seine innere Spannung wich, und Gedanken, seelische Gebilde, klärten sich, füllten seinen Geist. Sein leidendes Gemüt verdichtete sich in seinen Gedanken, aus dem Drang nach Freiheit entwickelte sich der edle Trieb bange Herzen zu beglücken, Menschen von Vorurteilen zu befreien, unschuldig Leidende zu erlösen. Großartig waren die Fortschritte, die er in der Staatsanstalt machte. Preisgekrönt verließ er nach fünf Jahren das.Lyceum und kehrte zu seinen Eltern zurück. Hier erwartete ihn der Präfekt uno die Bürgerschaft und unter Jubel, mit Musik, wurde der glückliche und freie junge Staatsbürger ins Elternhaus geführt. Die Zeiten der Drangsale waren vorüber und Isaak Moise Cremieux wurde nicht mehr als Jude beschimpft und mit Steinen beworfen. Hierauf bezog er die juridische Fakultät zu Aix und war nach drei Jahren im 21. Lebensjahre Jurist und ließ sich in seiner Vaterstadt Niemes nieder. Hier zeigte er sich bald als der geniale Rechtsanwalt der Menschheit, als ManN, der berufen war für Freiheit und Recht das Wort zu führen. Für einen Mann, der bereits zum Tode verurteilt war, sprach er zum ersten Male