Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-02-01 · Heft 2 (1.2.1885) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 2 (1.2.1885)
Date
1885-02-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969726-2969729--1265-2971718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

29 Schreiben des Kerrn Waifenfiausinspeklors I. Stern in Seesen an Hrof. Haut de Lagarde in Höttingen. Hochwohlgeborener Herr, Hochgeehrter Herr Professor! Ohne entschuldigende Einleitung oder einleitende Entschuldigung wage ich es, mich Ew. Wohlgeboren durch einige Worte privatim zu nähern, wenn Sie es auch unter Ihrer Würde halten sollten, mich auf demselben Wege eines besseren zu belehren. — Sie haben am 3. Oktober ein Programm für die konservative Partei Preußens das Licht der Welt erblicken lassen, dessen allgemeinem Teil ich kaum zu folgen weiß, daher ich mich umsoweniger berechtigt fühle, gerade darüber auch nur ein Wort fallen zu lassen. Sie haben aber speziell die sogenannte Judenfrage hierbei berührt, wobei mir unwillkürlich Psalm 30 V. 19—23 einfällt. Offen gestanden, Hochwohlgeborener Herr, hat die Judenfrage keine Berechtigung, obgleich die Judenfeinde sie aufs Neue erhoben haben. Diese Judenfrage ist eigentlich keine andere, als etwa folgende: „Sollen wir die Juden allesamt tot schlagen, ihre geistige und materielle Kraft vernichten, wie dieses leider im christlichen Mittelalter so oft versucht wurde, oder sollen wir sie unter solchem Druck der Gesetze leben lassen, daß sie jede Lust am Dasein verlieren?" Beide Wege liefen bisher gewöhnlich ganz parallel und, nachdem diese hinlänglich mit Blut gefüllt und mit Scheiterhaufen überall gekennzeichnet waren, verliefen sie sich dennoch in den Sand. Hierbei berufe ich mich wieder auf Psalm 124. Der Adonai der Juden ist kein Götze, wie sie ihn deklariert haben, sondern der Gott, der Israel und die gesamte Menschheit immer weiter jurn- Heil führt, der in, über und mit uns lebt, derselbe Adonai, den auch der Stifter ihrer Religion so oft als Vater anruft. Ja, es ist derselbe Adonai, der die Menschheit und mit ihr vielleicht auch Sie „Hochgeehrter Herr," von ihren vielfachen Jrrtümern befreien wird. Es sind in der neueren und neusten Zeit in der antisemitischen. Partei viele Gegner des Judentums aufgetreten, darunter auch sehr plumpe, die den Juden schon oft kindische Fehler oder Fehler aus der Kindheit vorgeworfen haben. So denken Sie an Jakob und Esau. Glauben Sie denn, daß der heutige gebildete Jude seine Ethik nach solcher Kinderstubengeschichte regeln ^wird, wie Sie sie von Jakob und Esau anführen, oder daß jemals ein Prophet und Gottesgelehrter in Israel uns Juden auf diese Familienstreitigkeit hingewiesen? Und von Mose- Wie Sie wollen auch dessen von jedem ungebildeten Christen den Juden immer zum Vorwurf gemachten Worte: „Ihr seid ein hartnäckiges Volk" heute noch den Juden zur Last legen? Moses, der unsere Väter vierzig Jahre mit solch undenklichen Beschwerlichkeiten und Mühseligkeiten durch rauhe ' Wüsteneien geführt und sie gleichsam durch Gottes Schutz auf Adlerflügel gtragen hat, war wol berechtigt, sein Volk im Mißmut so zu nennen. Wenn die Ehrentitel, die heute noch auch den bravsten Soldaten von ihren nächsten Vorgesetzten gegeben werden, wenn man diese dem 19. Jahrhundert des Herrn Paul de Lagarde entsprossenen Liebesworte nach dreitausend Jahren als Charakteristikum der heutigen deutschen Nation zum Vorwurf machen würde, dann wäre dies ebenso gerecht, wie der Vorhalt, den sie den Juden heutiger Zeit daraus machen. Im größten Mißmut seiner Wirksamkeit ruft Jeremia die denkwütdigen und trostreichen Worte: „So spricht der Ewige: ich gedenke Dir Deiner jugendlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.