Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Wucht und die Gefährlichkeit des Wucherers wie den tödtlichen Biß einer Schlange. Am leichtesten werden wir unfern gegenwärtigen Feind, den Antisemitismus, entwaffnen und auch in u n s e r m Kulturkampf Verachtung schließlich in Achtung verwandeln, wenn wir dem alten Grundsatz unsers vielgeprüften Volkes treu bleiben: „Unrecht leiden ist besser als Unrecht thun." Ein Löwe zerfleischt den Ochsen, der Panther die Ziege, der Wolf das Lamm. Können Tiere, fragen die alten Rabbinen, die von Raub und Gewalt sich nähren, als Opfer dem Herrn wolgefällig sein? Nein! „Bringet mir einen Ochsen, eine Ziege, ein Lamm zum Opfer, nicht Löwe, Panther oder Wolf," spricht Gott, „bringet mir keine Opfer von Tieren, die zu den Verfolgern gehören, sondern von solchen, die zu den Verfolgten zählen." — Es ist durch die Geschichte bezeugt, daß Gott auch an Menschen keinen Gefallen findet, die Unrecht üben, vielmehr an solchen Freude hat, die lieber Unrecht leiden, als es Andern zufügen. Abel wurde von Kain, Noa von seinem bösen Zeitgenossen, Abraham von Nimrod, Jakob von Esau, Josef von seinen Brüdern, Moses von Pharao, David von Saul verfolgt und der Herr erwählte jedesmal die Verfolgten. Das von den Völkern angefeindete und unterdrückte Israel ist von Gott zum Träger und Verbreiter der Offenbarung auserwählt. Drum sollen sie sich von Unrecht, Gewalt und Lieblosigkeit hüten. „Demütig sind, heißt es, die andere nicht kränken, obgleich sie gekränkt werden, die Schimpf und Hohn über sich ergehen lassen und sie nicht erwiedern, die mit geduldiger Ergebung die Schicksalsfchläge als göttliche Fingerzeige hinnehmen. Wer einen reinen, demütigen Sinn bekundet, dem rechnet Gott dies an, als hätte er sämmtliche vorgeschriebene Opfer dagebracht. Wer den sündigen Trieb opfert und bezwingt, der ehrt Gott hier und dort." Wer ist ein Sohn der künftigen Welt? Wer in Demut vor Gott sich beugt, demütig das Gottes- und Lehrhaus betritt, demütig es verläßt und auf sein Wissen nicht stolz ist. Davon hängt unser künftiges Seelenheil ab, ob die Seele rein oder befleckt vor dem Herrn erscheint. Meiningen. Dr. M. Dessauer Herzogl. Landesrabbiner. tzhronik der Tagesereignisse im Iudenlume auf sozialem und literarischem Heviete. Am 24. Novbr. begieng der Großherzogl. Landrabbiner Herr Dr. Julius Landsberger in Darmstadt sein fünf und zwanzigjähriges Amtsjubiläum. Er hat diejüdische Litteratur mit sehr wertvollen Arbeiten bereichert und ist einer der wenigen klassischen Rabbinen der Jetztzeit, die das Reformjudentum in Wort und Schrift würdig vertreten. In der festlich erleuchteten Synagoge war der Betpult des Jubilars mit einem prachtvollen Lorbeerkranz geziert. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde überreichte ein wertvolles Geschenk, Herr Generalmajor v. Köder überbrachte die Glückwünsche Sr. Hoheit des Großherzogs sowie der Garnison. Rabbiner Dr. Saatfeld-Main; übergab einen silbernen Pokal namens der hessischen Rabbinen. Unter den Gratulanten befanden sich Oberbürgermeister Ohlrj und Provinzialdirektor v. Marquard. Briefe, Telegramme und Blumenspenden liefen