Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Aus der Vergangenheit für die Kegemvart. Alle für Einen, Einer für Alle.' (Nach dem Midrasch.) Ein Schiff lief vollbeladen mit Mannschaft und Fracht aus und befand sich auf offener See. Auf demselben in verborgener Zelle saß ein absonderlicher Reisegefährte. Er nahm einen mächtigen Bohrer zur Hand und bohrte unaufhörlich in den Schiffsboden hinein. „Wahnwitziger!" riefen die Mitreisenden erschrocken, „was treibst Du da für ein gefährliches Spiel?" „Was geht das Euch an?" versetzte er kalt, „ich bohre ja nur an meinem Platze." Ebenso thöricht ist die Antwort eines Einzelnen in der Gemeinde, der allerlei Frevel und Sünden verübt und auf die desfallsigen Vorstellungen erwidert, es gehe Niemanden an, was er zu Hause oder für seine Person treibe. Besonders darf kein Jsraelite also sprechen. Denn da wird gleich die Allgemeinheit betont. Wenn ein Jude sich vergeht, da heißt es gleich, so und so treiben es die Juden. Wo Alle für Einen einstehen sollen, da muß auch der Einzelne das Wohl des Ganzen im Auge behalten. Der Einzelne glaubt, durch verwerfliches Treiben, unerlaubte Mittel in Handel und Wandel oder durch Zweifel und Unglauben nur an seinem Platze zu bohren, er schädigt aber in Wirklichkeit die Gesammtheit. Israel gleicht hierin dem Lamme- Schlage es auf ein Glied, so erzittert es am ganzen Körper. Ein Abtrünniger, ein Bösewicht kann Schrecken und Unglück über die gesammte Genossenschaft bringen. Zu den sehr beliebten Vorwürfen, die einzelne Juden treffen, aber unaufhörlich an die Gesainmtheit unserer Glaubensgenossen gerichtet werden, gehört der Wucher, der nicht anders als der jüdische Wucher genannt wird. Wie wenig jüdisch er aber ist und wie sehr der israelitische Wucherer am Geiste unserer Lehre sich versündigt, mögen folgende Worte unserer Weisen zeigen. Sie sagen: Ein Mensch beleidigte und beschimpfte seinen Nebenmenschen, griff seine Ehre an und nannte ihn einen Bösewicht. Was Wunder, daß dieser, obgleich sonst sanftmütig und versöhnlich, in heftigen Zorn geriet, auf Rache sann und ihn dafür hart büßen ließ. Und der Wucherer beleidigt Gott, unterschreibt und siegelt ein Schriftstück, das ein Gräuel in dessen Augen ist, und die Allwissenheit des Höchsten verleugnet. Sollte da die Ahndung ausbleiben? Siehe, der Tag borgt von der Nacht, die Nacht vom Tage, die Sterne leihen ihren Glanz dem Monde, der Mond wieder den Sternen, das Meer borgt dem Festlande, das Festland dem Meere. Die Vernunft entlehnt von der Weisheit, die Weisheit von der Vernunft, der Himmel von der Erde, die Erde von dem Himmel. Alle Wesen stehen in hülfbereiter Wechselgegenseitigkeit zu einander, sie entleihen und geben einander, ohne je mehr zurückzufordern, weder an Wärme und Licht, noch an Raum und Zeit, noch an Stoff uxtb Kraft, als sie geborgt. Und ou willst mit der dargebotenen Hülfe in der Not wuchern? Führwahr! Sonne und Mond, Tag und Nacht, Alles zeugt dereinst wider dich und klagt deine naturwidrige Herzenshärte dem Richter aller Wesen. — das Wort: „Wucher" neschech klingt im Hebräischen ähnlich dem Worte, welches Schlangenbiß bedeutet, well man hier wie dort erst nach einer gewissen Zeit die bösen Folgen verspürt- Die Wucherei wie der Schlangenbiß machen sich nicht gleich zu Anfang in ihrer vernichtenden Gewalt bemerkbar, erst wenn der Wucher sein Öpfer wie die Schlange den Menschen erdrückt, und der Arme aus der tötlichen Umgarnung sich nicht mehr loszuwinden vermag, dann erst fühlt er die ganze entsetzliche