Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Verständnis gelangt sind, eine unerschöpfliche Quelle läuternder Anregung und dauernder moralischer Erquickung werden und bleiben. Der tiefe Ernst, der bedeutungsvolle Inhalt derselben müssen jedem, der an veredelndem Streben Gefallen hat, geradezu imponieren. Es war gewiß eine dankbare Aufgabe, diese herrlichen Gebräuche wieder zum Verständnis der Mitwelt zu bringen, daß sie ihre wahrhaft segensvollen Grundgedanken auf's neue wieder bethätigen möchten. So war denn auch das Unternehmen des verstorbenen Professors Oppenheim, diese schöne Sitten in Bildern fortleben zu lassen, gewis ein dankenswertes. Mich haben diese besonders angezogen und früher schon veranlaßt, tiefer in das Wesen derselben einzudringen. So war ich vorbereitet, als der Tot des Künstlers eintrat und Freunde wünschten, die Bilder fortgesetzt zu sehen, den Versuch zu wagen, nachdem ich früher schon zu Lebzeiten Oppenheims mehrere Gemälde dieser Richtung geschaffen Hatte, die Erbschaft aufzunehmen und das viele noch in dem Cyclus Fehlende zu ergänzen und eine neue Folge erstehen zu lassen. Es konnte mir das nur neben der Kenntnis der einschlägigen Literatur von Bodenschatz, Schudt, Kompert, Bernstein, Dr. Stein, Auerbach u. a. an der Hand von gelehrten Israeliten gelingen, welche mir rathend und fördernd zur Seite standen, und die ich denn auch, -einem Gefühle des Dankes folgend, in meinen Bildern hier und da im Portrait angebracht habe. Es sind bis jetzt vier solcher Gemälde, welche sich den Oppenheimschen anschließen, fertig. Der Erfolg wird mir zeigen, ob ich recht gethan habe, das Werk wieder aufzunehmen. Das erste meiner Bilder stellt „Das Neumond ge bet" am Ende des Jom Kippur dar. Der Ort ist die alte Judengasse zu Frankfurt a. M. mit der damaligen Synagoge zur Linken. Ueber den Häusern zur rechten Seite erscheint der Neumond, zu dem die in Gruppen betender Greise, Männer und Kinder gewendet stehen, den Segen sprechend: Gelobt seist du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der du mit dem Wort und mit dem Geist deines Mundes den Himmel und all sein Heer erschaffen hast, und hast ihnen Gesetz und Zeit vorgeschrieben, was ihnen zu thun obliegt, daß sie sich nicht verändern, sondern sich Gottes ihres Schöpfers, der ein rechter Werkmeister ist, und dessen Werke wahrhaftig sind, Willen gemäß erzeigen. Er hat den Mond sich erneuern heißen, welche Erneuerung allen denen, so im Mutterleibe getragen werden, eine schöne Krone und Zierde ist, daß sie auch wie der Mond erneut werden und ihren Schöpfer loben und erheben wegen seines mächtigen und herrlichen Reiches. Gelobt seist du Herr, der du die Neumonde erneuerst. Gelobt sei dein Schöpfer, gelobt sei, der dich gemacht, gelobt sei dein Former, gelobt sei dein Schöpfer u. s. w. An dem Eingänge der Synagoge, aus deren Fenster mattes Licht hervorbricht, seitwärts an der Mauer sieht man den eingehauenen Stern, gegen welchen der Bräutigam nach geschehener Kopulation ein Glas Wein werfen mußte, mit der hebr. Inschrift, welche bedeutet: die Stimme der Freude und die Stimme der Fröhlichkeit; die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut. Da in Mitten der Scene lehnt sich betend ein Greis im Sterbegewande an den stattlichen Sohn, mit der herabgebrannten Kerze in der Hand. Knaben im Vordergründe, eine betende Gruppe bildend, lesen bei dem Lichte ihres Kerzenrestes aus dem Gebetbuche des Tages den Segen ab, freilich nicht mit der Anwillkommene Ergänzung der Oppenheim'schen Bilder i» jüdischen wie auch nichtjüdischen Kreisen freudig werden begrüßt werden. Möge dem talentvollen Künstler hierdurch Anregung zu weiterem Schaffen auf diesem Gebiete werden. Red.