Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 — die Völker näher verbindet. Auch der Dichter des Mirza Schafft, Friedrich v. Badenstedt, schlägt vor, die Christen mögen allen Balast, womit die Kirche das Glaubensschiff beladen habe, über Bord werfen und die reine Lehre Christi in ihrer Ursprünglichkeit behalten, und die Juden mögen den Talmud — selbstverständlich nur als Religionsbuch mit bindender Kraft — opfern, dadurch würden Juden und Christen ein Herz und eine Seele sein. Charles Eugene de Ujfalvy verdammt den Antisemitismus und ruft aus: Wehe demjenigen, der dem gewaltigen Rade des Fortschrittes in die Speichen greift! Das Rad rollt fort und zermalmt Generationen, die es aufzuhalten sich vermessen. Der Dramatiker und Epiker Joseph Viktor Widmann ruft der jüdischen Orthodoxie zu, ihre knöchernen Satzungen aufzugeben und ein Ende zu machen mit Dingen, die im neunzehnten Jahrhundert als Anachronismus erscheinen. Die Orthodoxen, die zumeist mit geistiger Taubheit geschlagen sind, werden nach unseren Erfahrungen für diesen Ruf wenig Verständnis an den Tag legen. Möchten ihn sonst nur Juden beherzigen! Auch der Humorist erscheint im Kreise dieser Männer, aber diesmal in sehr ernster Stimmung. Richard Schmidt Cabanis will, daß man mit dem passiven Widerstande endlich breche, denn, wenn man helfen will, müsse man eingreifen und in der That ist es hoch an der Zeit, Stellung zu nehmen und mit dem rätselhaften Gleichmut und der schlaffen Thatlosigkeit zu brechen. Auch die Mahnung, daß der Gott der Propheten im jüdischen Volke wieder lebendig werden, solle, das dem Materialismus und Atheismus huldigt, sollten wir nicht an unserem Geiste vorüberziehen lassen, ohne uns zum Guten aufzuraffen und rettend einzutreten ehedenn, daß es zu spät wäre. Ja! unsere sogenannte ' jüdische Intelligenz blickt noch immer mit Geringschätzung auf alle idealen Bestrebungen, betrachtet die Religion als ein Nebensache und mit wenigen rühmlichen Ausnahmen haben unsere Finanzgrößen für die reine jüdische Sache nur ein mitleidiges Achselzucken, aber verschwenderische Summen für Angelegenheiten, die dem Judentume nicht dienen, ja ihm oft sogar zuwider sind. Friedrich Friedrich, ein Romanschriftsteller, behauptet, daß im germanischen Geiste keine Intoleranz zu finden sei, dieselbe sei in denselben gewaltsam hineingetragen und er wird sie wieder von sich stoßen. Diese Hoffnung teilen wir gerne, doch bedünkt uns, daß hier das Eindringen leichter von Statten geht wie das von sich Stoßen. Ludwig Büchner stimmt mit Prof. Nöldecke, dem bewährten Kenner des Judentums und seiner Literatur, darin überein, daß die Judenfrage dann als gelöst zu betrachten wäre, wenn die Juden ihre absonderlichen, rituellen Einrichtungen, die einen Gegensatz zu der andern bürgerlichen Gesellschaft bilden, einmal abgeschafft Hütten. Der norwegische Schriftsteller Lorenz Segelke Dietrichson, kein Freund Lasters und Lassalle's, bezeichnet die antiseniitische Bewegung mit den Attributen: brutal, unwürdig. Nicht wundern könne man sich über die Vorgänge in Rußland. Aber wie soll man urteilen, wenn Aehnliches von dem Herzen des Pratestantismus, das von einer christlich sittlichen germanischen Mission spricht, vernommen wird? Die antiseniitische Bewegung ist nicht germanisch, denn hier wohnt Toleranz, der klare Gedanke und das freie Wort. Sie ist nicht sittlich, nicht christlich, denn nie wurde das Christentum ärger verhöhnt, als zur Zeit, da der Antisemitismus ihm den beschmutzten Schild zur Verteidigung reichte. Ein Auswuchs der Zeit sei diese schmachvolle Bewegung in dem Lande Luthers, Melanchthon's, Göthe's, Schiller's, Lessing's, Kant's, die sich für die Dauer nicht behaupten könne. Friedrich Meyer v, Waldek giebt der Hoffnung auf bessere Zustände im Liede Ausdruck: