Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 tums stehen als Ideale im grellsten Gegensätze zur Praxis der jüdischen Nationalgesellschaft, darum der Haß in Europa' gegen die Juden. Der protestantische Theologe Carl Siegfried erhebt seine Friedensstimme, indem er ausruft: Talmudismus und Kirchentum können gemildert werden durch den Geist der Liebe und Duldung; Gottes- und Nächstenliebe sollten Juden und Christen vereinigen und bewirken, daß sie in Duldung und Freundschaft einander begegnen. Der schwedisch-finnländische Kulturhistoriker Andreas Wilhelm Botin beklagt die Unduldsamkeit und religiöse Engherzigkeit, die sich im Antisemitismus offenbare, und hofft, daß das Sittlich-Rechte bald werde die Oberhand gewinnen. Der Dichter Alfred Meißner meint, solange der Jude sich als Orientale fühle, darf er sich darüber nicht wundern, daß etwas uns von ihm fernhält. Er spricht die bedeutungsvollen Worte aus: „Das Judentum, das einen hoffnungsvollen Reformweg eingeschlagen, hat sich wieder fester zusammen geschlossen und seine eigentümlichen Züge wieder stärker accentuirt hervortreten lassen." Wir können daraus zur Genüge ersehen, mit welchem Kennerblicke die inneren Zustände des Judentums in Deutschland von außen beobachtet werden, und was für Folgen die jetzt modern gewordene den Stempel der Lüge und Charakterlosigkeit an sich tragende rückschrittliche Bewegung innerhalb des Judentums noch haben kann. Froh dürfen die sein, die sich rein gehalten haben und vor aller Welt ausrufen können: „Meine Schuld ist es nicht." Der Dichter Robert Hammerling hält es für unklug, im Zeitalter der Humanität die Juden zu interessanten Märtyrern zu machen. O daß doch die Russen, Rumänier und Magyaren und alle die ihnen folgen, klüger sein möchten! auf das Martyrium würden die Juden gewis gerne Verzicht leisten. Der berühmte Rechtslehrer und Nationalökonom Lorenz v. Stein will, daß - das Judentum sich in das Urchristentum umgestalte, und mit Bedauern teilt er mit, gehört zu haben, daß die Juden weder einen priesterlichen Stand noch eine kirchliche Gemeinde kennen. Auch in jüdischen Kreisen wird ja der Mangel an Organisation unter Verständigen auf's Tiefste beklagt, denn die Uebelstände, an denen wir leiden, kommen daher, daß diejenigen über das Judentum Bestimmungen treffen, die davon so viel verstehen wie Blinde von Farben, wie Taube von Tönen. Der Ethnograph und Reisende Adolf Bastian ist der festen Ueberzeugung, daß, wenn von Seiten der Juden eine freisinnige und weitblickende Reformbewegung sich zeigen würde, dann die Ideale der Edlen zum Siege gelangen würden. Er spricht sogar den Gedanken aus, daß man in weitherzigen christlichen Kreisen auch bereit wäre, aus Courtoisie gegen die ältere Schwester die «christlichen Feste auf die jüdische Zeit zu legen. Der Naturforscher Carl Vogt erblickt in dem Antisemitismus den instinktiven Haß der Unbefähigten gegen die Befähigten, der Armen gegen die Reichen, der Behäbigen gegen die Rührigen, fügt aber hinzu, daß die religiöse Seite in der Sache gefördert werde durch bie Hartnäckigkeit, mit welcher die Juden an gewissen sekundären Bräuchen hängen, die mit den allgemeinen Ansichten über Zivilisation unserer Zeit im Widerspruche stehen und deren sie sich sehr wohl entschlagen könnten, ohne ihrer Religion im mindesten Abbruch zu thun. Wir sehen daraus, wie uns von befreundeter Seite der Rath erteilt wird, nicht in das Geistesghetto zurückzukehren, sondern auf der Bahn der Reform., des Judentums weiterzuschreiten. Der Politiker Karl Braun in Wiesbaden will, daß Christen und Juden sich bestreben, Menschen zu werden. Der Antisemitismus, der Schandfleck für die Menschheit, die Schmach des Jahrhunderts, mit seinem Racenhaße bedeute einen Anachronismus in einer Zeit, in der der Kulturfortschritt