Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Manches, das uns in der Selbstkritik, die wir üben, nur bestärken könnte. Christian Radenhausen, ein philosophischer Schriftsteller, meint, die Kluft zwischen semitischer- Hitze und arischer Ruhe sei noch zu groß und der religiöse Stolz besonders der orthodoxen Juden sei ein Fehler. Auch der katholische freisinnige Theologe und Philosoph Jakob Froschhammer nimmt Stellung in der Judenfrage. Er hält zunächst das Christentum Christi, das allein der Religion der großen jüdischen Propheten nahe stehe, aber nicht das kirchliche Christentum für das wahre. Aus socialen, nationalen und religiösen Quellen stamme der Antisemitismus und die Orthodoxen beiderseits wollen von Aufklärung und Milderung nichts wissen. Nach der Ansicht des slavischen Dichters Erwein Spindler werden die rohesten Triebe im Menschen durch den Antisemitismus wach gerufen, der ein Zeichen sittlicher Verkommenheit sei. Er bedauert nur, daß die Juden in Böhmen sich um das Banner des Deutschtums schaaren, ein Fehler, den wir hierzulande eher für einen Vorzug zu halten uns veranlaßt sehen könnten, indem man daraus ersehen kann, wie eng und innig gerade mit deutscher Cultur und Bildung, mit deutscher Gesinnung und Gesittung die Juden allerwärts verwachsen sind; wofür selbst die polnischen und russischen Juden als Beweise dienen können, die sogar einen deutschen Dialekt noch lebendig fortbilden. Gerhard Rohlfs will, daß im Staate, in der Gemeinde, in der Schule, beim Militär, die Frage verboten sein sollte, „Welcher Religion gehörst du an." Wegfallen müssen aber auch die jüdischen Absonderlichkeiten und je eher dies von Seiten der Juden geschieht, desto besser. Die jüdischen Kinder sollten nicht in besonderen jüdischen Schulen, von den christlichen Kindern separirt, erzogen werden. Der Belgische Nationalökonom Emile de Laveleye schreibt von der jüdischen Religion, sie gehöre zu den erhabensten und reinsten Religionen der Welt und die jüdische Rare sei die intelligenteste und thatkräftigste von allen Raren der Erde, die einst die Herrin dieser Welt werden wird und es auch verdiene. Eine solche Verherrlichung der jüdischen Rare aus dem Munde eines Juden würde sicherlich dem ganzen Volke als Mangel an Selbstkritik angerechnet werden, aus dem Munde Laveleyes, eines Christen, acceptieren wir sie mit Freude gleich Bileams Segen. Robert Springer, der bekannte Literarhistoriker aus der Hauptstadt unseres Reiches, will Judentum und Christentum von den Zuthaten späterer Jahrhunderte gereinigt sehen. Was die Juden anlange, so stoßen sie im Allgemeinen durch besondere nationale Eigentümlichkeiten wie durch rituelle Gebräuche ab. Die nichtjüdischen Capitalmacher wollen die Juden nur als Sündenböcke vorschieben. Aber Schuld an Allem — und darin liegt in der That viel Wahres — sei der freche egoistische Materialismus und Brutalismus eines Teiles der sogenannten Wissenschaft. Der Dichter Martin Greif wünscht, daß Christentum und Judentum sich gegen einander der herausfordernden Sprache enthalten sollten, eine Mahnstimme, die auf beiden Seiten ganz besonders beherzigt zu werden verdient. Der Geschichtsschreiber Ferdinand Gregorovius nennt die vielgepriesene Humanität nur einen Firnis, der Barbarei deckt. Die Mission der Juden war eine der erhabensten in der Weltgeschichte. Wie die Griechen die humane Bildung, die Römer das bürgerliche Recht, so haben die Juden der Welt die monotheistische Religion gegeben. Lange vor Socrates, vor Seneca, vor Epictet, vor Alexander, vor Paulus und vor Marc Aurel haben sie den Monotheismus gelehrt, und die heilige Schrift auf ihren ersten Blättern schon hat den höchsten metaphysischen Begriff vom Menschen aufgestellt, daß er ein Ebenbild Gottes sei, woraus die Gleichheit aller Menschen stanimt. Aber die Lehren des Juden-