Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 III. Jahrg. X. Heft S. 697.) Nur in dem religiösen Bekenntnisse werden, solange das Judentum im Christentume nicht über das Heidentum in demselben zum vollen Siege gelangt ist, noch immer gewisse prinzipielle Unterschiede hervortreten, wenn auch die positive Reform des Judentums bereits über alle die Gesetze und Bräuche zur Tagesordnung übergegangen ist, welche geeignet wären, Mißverständnisse über die Stellung der Juden zu Nichtjuden hervorzurufen, und die heutzutage aufrecht zu halten ebenso thöricht wie sündhaft wäre, weil sie, jedes religiösen Gehaltes entbehrend, nur dazu dienen, den prophetischen Geist des Judentums zu entstellen und zeitliche Menschensatzung an die Stelle ewiger Wahrheiten zu setzen. Erst wenn das Judentum im Christentume über das Heidentum im Christentume zum vollen Siege gelangt sein wird, wird die Zeit des einheitlichen Bekenntnisses angebrochen fein, die wir mit dem Worte „messianisch" bezeichnen. So lange die Nation höher gestellt wird als die Religion, der Individualismus höher als das Menschtum, insolange ist sowohl das prophetische Judentum wie das reine Christentum im Verfallen und Sinken und das Heidentum hüben und drüben im Wachsen begriffen. Die Religion einer Glaubensgemeinde, sie heiße Judentum oder Christentum, ist viel zu umfassend, als daß sie mit den Gränzpfählen eines Staates mit einem Schlage aufhörte; sie ist ewig, nicht an Zeit undLrt gebunden, wie der Geist, dem sie entstammet. Und wie die Familie der engste Kreis ist, in dem sich der sittliche Gedanke entfaltet, so ist und bleibt die Gesammtmenschheit der weiteste Kreis, dem wir alle zustreben, hindurch durch die beiden großen Kreise: Gemeinde und Staat. Nimmer darf der nationale Gedanke Selbstzweck, immer soll er nur Antrieb und Mittel zum höchsten Ideal dem Menschtum sein. Das lehren die größten Denker aller Zeiten und Völker und in diesem Gedanken kommen sich die erlesenen edlen Geister hinweg über die breite Masse des christlichen und jüdischen Volkes immer näher und näher und thöricht wäre es, behaupten zu wollen, das Christentum decke sich mit Germanentum, wie es albern ist, Palästinismus und Judentum zu identificiren. Paul de Lagarde ist der Verkünder eines engherzigen Volksegoismus, für den sich weder Christen noch Juden, die religiös erfüllt sind, je werden begeistern können. Eine bessere und gründlichere Widerlegung jedoch konnte Lagarde nicht werden als in einem gleichzeitig mit seinem Programm erschienenen Buche „Briefe berühmter christlicher Zeitgenossen über die Judenfrage," die hervorgerufen wurden durch die Schrift, „Sollen die Juden Christen werden," welche einen jüdischen Schriftsteller, Isidor Singer, zum Verfasser hat, der darin neben einem religiös freisinnigen merkwürdiger Weise einen jüdisch-nationalen Standpunkt eingenommen,- wenn er auch die Herstellung eines national jüdischen Reiches, die jetzt in manchen Geistern spuckt, einen Wahnsinn nennt. Wir kommen dem an uns von auswärts ergangenen Ansuchen, diese nichtjüdischen Stimmen in der Judenfrage in weiteren Kreisen in volkstümlicher Weise wiederhallen zu lassen, um so freudiger nach, als sie uns ein sicheres Zeichen und beredtes Zeugnis dafür sind, daß Lüge, Wahn und Thorheit noch nicht alle Köpfe und Herzen bestrickt und daß noch gar viele Denker in außerjüdischen Kreisen sich über Juden und Judentum ein gesundes Urteil gewahrt haben, das in alle Welt hinaustönen sollte als eine Stimme des Friedens mitten im unseligen Kampfe. Max Müller, einer der hervorragendsten' Orientalisten und Sprachforscher, behauptet mit Recht, daß die Wahrheiten, in denen alle Religionen übereinstimmen, be deutender seien als die Dogmen, über welche Streit besteht. Lernen wir daraus, das Völkerverbindende im Judentume pflegen und das Trennende, das in neuester Zeit da