Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- Seite 285 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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285 rabbiner Hirsch, die andere Rabbiner Dr. Tauber in Prag. Beide schilderten init Hochschätzung und Teilnahme die Geistesgröße und Wissenschaftlichkeit, die Verdienste und den Charakter des Verstorbenen, wie auch die allgemeine Achtung, worin derselbe in und außerhalb der Gemeinde stand; beide beklagen für sich, die Familie und die Gemeinde, fiir nahe und ferne Kreise den großen Verlust. Diejenigen, welche den Verstorbenen persönlich, oder aus seinen Schriften und seiner Wirksamkeit kannten, werden wissen, wie sehr der Verstorbene solcher Reden und Klagen würdig war. Hut so mehr fällt es auf, daß orthodoxe Blätter des Heimgangs dieses Mannes gar nicht, oder doch nur vorübergehend und mit nichts weniger, als Teilnahme und Anerkennung erwähnen, während der unbedeutenste Winkel-Rabbi orthodoxer Richtung einen hoch- und weitklingenden Nachruf erhält. Hat doch selbst Oberrabbiner Hirsch, trotz seiner Rede voll Anerkennung, geglaubt, nicht unerwähnt lassen zu dürfen, daß er einmal den reformatorischen Vorschlägen des Verstorbenen habe entgegentreten müssen. Uns ist nicht bekannt geworden, daß der Verstorbene zu den extremen Reformern gehört habe. Angenommen aber, es habe sich hier um einen Fehler gehandelt, so ist doch allgemeiner Grundsatz, von den Toten Gutes zu sprechen, und speciell jüdische Sitte und Anschauung, die Fehler der Verstorbenen zu verdecken und ihre Tugenden sogar zu überheben, weil man die Toten zu den Verklärten und geistig wie moralisch Vollendeten rechnet. Dies ist die Folge, wenn selbst reformatorische Gemeinden die Orthodoxie auf den Thron setzen und ihr die Herrschaft übergeben. Woher sollen da Fortschritt und Entwicklung kommen, wonach man sonst so laut verlangt? — Der 100 jährige Geburtstag Moses Montefiore's wurde in Synagogen und auch in Schulen und Vereinen feierlich begangen. Viele Zeitungen, auch nichtjüdische, brachten den Lesern sein Bild und eine Beschreibung seines Lebens. Aus allen Enden liefen Briefe, Telegramme rmd Adressen, nach Ramsgate, woselbst auf Beschluß des Stadtrates der Tag als allgemeiner Festtag gehalten wurde, ein. An den greisen Jubilar hielt Herr vr. H. Adler im engeren Kreise eine hebräische und englische Ansprache. In London fand die Montefiore-Feier in der mit Blumen, Guirlanden und Palmen geschmückten Synagoge der portugiesischen Gemeinde, deren Mitglied der große Philantrope seit 80 Jahren gewesen, statt. Die Festrede hielt Herr Df. Hermann Adler. Auch die Königin von England und die Kaiserin von Deutschland beglückwünschten Sir Moses Montefiore telegraphisch. Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag wurden auch in England und Italien Medaillen geprägt. — Ein von I. Seroi, Redakteur des „Vesillo Israelities“ herausgegebenes Album-Montefiore zeigt uns die Verehrung der italienischen Juden gegen den Wohlthäter seines Volkes. Or. Jellinek schreibt von den Männern, die sich dabei beteiligten: Wahrlich ein Isaak Artom, ein Isaak Pesaro Maurogonato, ein Luigi Luzatti, ein Giacomo Malvano wiegen so viel wie etwa 400 jener süddeutschen Frommen, die nur Milch und Wein trinken, wenn sie mit der Signatur „Koscher" versehen sind oder die jeden Morgen hundert Seiten Großoktav so rasch als möglich herbeten. — Georg. Iaude Philipps wurde in sein Amt als Sheriff von London eingefiihrt. Die Engländer, das Volk der Bibel, werden irr vielen Kreisen von der Ansicht beherrscht, Abkömmlinge des im Jahre 720 v. CH. untergegangenen Reiches der zehn Stänime zu sein. Vor einiger Zeit war dieses Thema Gegenstand einer öffentlichen Diskussion in der Creler Hall zu London, an der Anhängen und Gegner sich lebhaft beteiligten. Trotz dieses Philoisraelitismus in England spuckt daselbst doch der Aniisemilismus und tritt m Presse und Theater ab und zu iu Erscheinung, so im Theater „Drury Lane“ 25*