Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Menschen und Tieren und ehrt Gottes Willen selbst in den Pflanzen und unorganischen Gebilden. „Weiß ich denn nicht, daß unser Gott ein Gott der Liebe ist?" fragt staunend schon der Prophet Jona. Müssen wir Juden uns solches denn erst von Anderen sagen lassen? Man vergleiche doch nur die Kundgebungen Gottes an Moses im II. Moses Kap. 34, 6 u. 7, lauter Ausdrücke und Bezeichnungen der göttlichen Liebe. „Gott läßt nicht ungestraft," wie es dort heißt, nämlich den beharrlichen Sünder, ist nicht blos eine Forderung der göttlichen Gerechtigkeit, sondern auch der göttlichen Liebe; denn Gerechtigkeit ist eben nicht das starre Recht, sondern schließt „Liebe" ein, und falsche Nachsicht, welche den beharrlichen Sünder gleichgültig dem Verderben entgegen gehen läßt und ihn seinem Unglücke preis giebt, ist nichts weniger als Liebe. Mit Recht sagt darum der Prophet: „Auch im Zorn gedenkt Gott des Erbarmens." Der so oft misdeutete biblische Ausdruck: „Gott ahndet die Sünden der Väter an den Kindern und Enkeln bis in das dritte und vierte Geschlecht" heißt zunächst nicht „ahndet", sondern „gedenkt," und will sagen: Gott gedenkt der Sünden der Väter bei den Kindern und Enkeln bis in das dritte und vierte Geschlecht, nicht um die Kiilder und Enkel zu strafen, sondern um Nachsicht gegen sie zu üben, wenn sie durch das schlechte Vorbild und durch die schlechte Erziehung der Väter auch schlecht geworden sind. Das biblische Gesetz von „Zahn um Zahn" wird auch als Beweis dafür benutzt, daß der Mosaismus und das Judentum rachsüchtig und aller Humanität bar seien. Das bezügliche Gesetz aber gehört nicht ursprünglich dem Mosaismus an, ist, wie vieles Andere, nicht von Moses erfunden, sondern beruht auf einem überlieferten und Vorgefundenen Volksrecht, welches nicht mit einem Federstriche abrogirt werden konnte, wie überhaupt solche Volksrechte und -Gesetze, auf überlieferter Anschauung und Gewohnheit beruhend, nicht mit einem Male aufgehoben und beseitigt werden können, sondern deren Modifizirung und Abstellung der Zeit und Entwickelung überlassen bleiben muß. Das Recht der Rache und Wiedervergeltung findet sich bei allen alten Völkern und findet sich teilweise noch bei den heutigen Völkern. Die Konsequenz dieses Gesetzes von „Zahn um Zahn", nämlich: „Leben um Leben," „Blut um Blut" (Exod. 21, 23), erscheint selbst den zivilisierten Staaten der Gegenwart noch unentbehrlich und wird als Todesstrafe noch immer beibehalten. Den Mörder mit Todesstrafe belegen, heißt nichts anderes, als das biblische Gesetz von „Leben um Leben", „Blut um Blut", die Konsequenz von „Zahn um Zahn", in Ausführung bringen. Die jüdische Rechtstheorie und -Praxis aber hat die Härte dieses Gesetzes, sowol in Bezug auf „Zahn um Zahn", wie „Blut um Blut", sehr bald gemildert und das Gesetz in seiner Buchstäblichkeit und in seinem engen Sinne gar nicht mehr zur Ausführung kommen lassen. Was auch wollen Theorieen sagen, die Praxis des Lebens bezeugt von den ältesten Zeiten her, von Abraham an bis auf unsere Tage, daß Israel die Grundsätze der Liebe kennt und übt, gegen Jedermann ohne Unterschied der Nation und Konfession. Nächstenliebe ist gegen Nahe und Ferne, Einheimische und Fremde, Juden und Nichtjuden geboten; auch Feindesliebe ist geboten. Denn der Bruder welcher dich beleidigt und getadelt hat, bleibt trotzdem dein Bruder; stelle ihn zu Rede über sein Thun, kläre ihn über etwaige Mißverständnisse auf, weise ihn wegen etwaigen Fehls zurecht, aber hasse ihn nicht, räche dich nicht, trage ihm nichts nach, denn er bleibt dein Bruder, und das Gebot der Nächstenliebe bezieht sich auch auf ihn (Lev. 19, 17 ff.). Decke Fehler deines Nebenmenschen mit dem Mantel der Liebe zu, und wenn deinen Feind hungert und dürstet, gieb