Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Rücksicht liegen. Sondern du sollst warten, bis du weißt, daß die Alte das Nest verlassen hat, oder die Jungen ihrer nicht mehr bedürfen. Das entsprechende biblische Wort heißt: entlassen, um nicht wieder zurückzukehren (Piel), im Gegensatz zu: Jemand fortschicken, dessen Rückkehr man erwartet (Kal). Hier also etwas prägnant: du sollst die Alte erst vollständig fortschicken, so daß du ihre Rückkehr nicht wieder erwartest, d. h. wissen, daß sie das Vogelnest vollständig verlassen hat und nicht wieder dahin zurückkehrt. Der Sinn ist daher nicht: gewaltsam fortjagen, was dem Zwecke des humanen Gesetzes durchaus zuwider wäre und weder der Alten, welche klagend und abwehrend das Nest umflattert, noch den Jungen, welche der Alten entbehren, einen Schutz bieten würde. Wenn das Tier aber die Mutterbrust oder die Vogelmutter ihr Nest verlassen hat, so kennen sich Alte und Junge nicht mehr, so sind sie sich vollständig fremd geworden. Das oben angeführte Verbot, Junges und Altes an einem Tage d. h. zu gleicher Zeit zu schlachten, hat demnach auch den Sinn: nicht das Eine vor den Augen des andern zu schlachten, und zwar aus Rücksicht auf die Gefühle der gegenseitigen Zusammengehörigkeit, die auch den Tieren für eine gewisse Zeit von Natur aus eigen sind. Es ist demnach auch hier wie bei dem Vogelneste eine gewaltsame und vorzeitige Losreißung und Trennung der Alten und Jungen verboten, — und es soll im Menschen eine Verrohung des Gemüts verhütet werden. Es sind dies selbstredend Rücksichten, welche besonders auch für die Viehzucht, welche notwendig mit dem Ackerbau verbunden ist, geboten erscheinen. Aber sie haben auch ihren Selbstzweck in der Förderung der religiösen Anlage und humanen Erziehung. Auf Ackerbau und Viehzucht war das Leben des alten Israel gegründet. Wie ganz anders ist das durch die Macht der Verhältnisse und die geschichtliche Entwicklung geworden! Jetzt sind die Israeliten fast nur Händler, sogar Vieh-Händler statt Vieh-Züchter. Durch Ackerbau und Viehzucht sollte Israel fromm, religiös, gottesgläubig und -fürchtig gemacht, sein Herz weich und gefühlvoll erhalten werden. Denn das Gelingen des Landbaues ist das ganze Jahr hindurch in die Hand Gottes gelegt und nicht in die Hand der Menschen. Besonders wird dies vom Lande Israel (Palästina) hervorgehoben, welches trotz seiner Fruchtbarkeit und Üppigkeit als ein Garten geschildert wird, welcher von der Hand Gottes und nicht der Menschen bewässert wird. Der Ackerbauer sieht sich das ganze Jahr in Abhängigkeit von Gott. Ähnlich wie der Matrose, der den Stürmen und Wogen des Meeres preisgegeben ist, über die er nicht gebieten kann. Bauer und Matrose, Land- und Seemann sind deshalb sehr gottesfürchtig und -gläubig, freilich auch beim Mangel an Bildung abergläubisch. Auch die Pflege der Blumen mildert schon die Sitten; mit Recht wird daher diese in der neuern Zeit durch Blumenausstellungen auch bei den unteren Ständen gefördert. Im Judentum ist deshalb auch das Gesetz von Bedeutung: „du sollst nichts verderben", welches niutwillige Zerstörung auch bei unorganischen Geschöpfen, bei Gebilden von Menschenhand untersagt. Mutwilliges Zerschlagen und Zerbrechen von nutzbringenden oder benutzten Gegenständen ist verboten. „Fruchttragende Bäume sollst du nicht zerstören" gilt als grundlegendes Prinzip hierfür. O lernt das Judentum nur kennen und begreifen; Sprachkenntnis der Professoren und selbst gelehrter Orientalisten oder christlicher Theologen reicht nicht hin dafür. Der Buchstabe des Gesetzes will nicht blos gedeutet, dessen Geist muß begriffen werden. Das Judentum lehrt von jeher Liebe zu Gott,