Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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270 wobei wir bald nach dieser, bald nach jener Richtung uns Hinneigen, aber nie einen festen Standpunkt gewinnen, nie zu einem rechten und entschiedenen Fortschritt gelangen können. Fortschritt! das Wort, das in diesem Jahrhundert in Israel die Losung aller Denkenden, Bessergesinnten gewesen, das hat in unseren Tagen seinen Klang verloren und wird von gar Manchen, die sich dafür zu begeistern vermochten, nur ungerne gehört. Wie? sind die etwa zurückgeschritten? haben sie allen den vielen alten Gesetzeserschwerungen, die im Lichte der von dem Geiste der Wissenschaft erleuchteten fortschrittlichen Anschauung als unnütz und entbehrlich erschienen, sich wieder unterworfen? bereuen sie es, daß sie so lange Gesetzesübertreter gewesen und suchen sie durch fromme Bußübungen die Sünden ihrer Vergangenheit zu siihnen? O, wenn wir das sehen würden, wir könnten solche Männer nur ehren und hochschätzen. Der frömniste vollkommenste Mensch steht vor Gott nicht so hoch, lehren unsere Weisen, als derjenige, der seine Sünde einsieht und bereut und in Ergebung des Herzens auf den Weg des Guten zurückkehrt; nichts aber erscheint widerum so verwerflich, als auf dem heiligen Gebiete der Religion das, was man nicht glaubt, vertreten, was man im Herzen verspottet, mit den Lippen hochpreisen zu wollen. Das ist Lüge und Unehrlichkeit, das ist Unrecht und Frevel; dagegen muß angekämpft werden, weil das Judentum nichts anderes sein darf als Recht und Licht und Wahrheit, begründet in ernstem treuen Gottessinne. Zu bekämpfen den Geist der Finsternis, zu bekämpfen das hohle Götzentum, zu bekämpfen die Lüge, die an die Stelle der Wahrheit sich setzt, dazu war und ist Israel für alle Zeit berufen und wie es das alte Heidentum besiegt hat durch die Kraft des Geistes, mit der es sich beseelte, so wird es auch das neue Heidentum, die Gottlosigkeit, mit der eine hochmütige Selbstvergötterung, eine Verherrlichung des Schlechten und Verwerflichen, Hand in Hand geht, zu Nichte machen durch die Wiedererweckung seines inneren Geisteslebens, durch rechtschaffene Gesinnung, lauteres Streben, wahre Gottesfurcht, geistigen Fortschritt, ernste entschiedene That. Die Vergötterung des Falschen und Nichtigen, die Verdrängung der Wahrheit durch die Lüge, der Verfall des höheren Geisteslebens, der uns so weit bringt, daß wir, die wir den Völkern der Erde den Weg des ewigen Heiles zeigen, mit dem Beispiele eines gottgefälligen Lebenswandels voranleuchten sollten, im Vergleiche mit ihnen noch weit gegen sie zurückstehen und dadurch allmälig in ihren Augen die Achtung verlieren, das ist eines der Grundübel in unseren Tagen, das immer mehr um sich greift und das zu beheben und bekämpfen unsere heiligste Aufgabe bleiben muß. Gotteskämpfer! dieser Name ist eine stralende Krone auf unserem Haupte und es wäre unverzeihlicher Leichtsinn, wenn wir den schönsten Edelstein derselben, den Gottesgedanken, der aus ihr hervorleuchtet, herausbrechen und wegwerfen wollten. Wenn es nicht der Name Gottes ist, mit welchem wir uns schmücken, der Name eines ewigen Weltengottes, dessen Gebote alle Menschheit sich unterwerfen muß, den wir anrufen, um Gerechtigkeit für uns zu fordern, Ehre und Liebe, die uns gebührt, was haben wir denn sonst noch, woran wir uns halten können? Den wahren Gottesglauben haben die Völker aus der Quelle des Judentums geschöpft, darin liegt das große unbestreitbare Verdienst, das sich Israel um die Menschheit erworben, dafür haben wir unseren Dank und Lohn zu fordern; eine andere Wirksamkeit hat Israel in der Geschichte der Menschheit nicht zu entfalten, auf anderen Gebieten können wir wenigstens keinen Vorzug für uns beanspruchen. Wenn wir uns heute selbst unser Werk zerstören, der Menschheit den Gottesgedanken, den wir ihr gegeben,