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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-12-01 · Heft 12 (1.12.1884) · p. Seite 268

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 12 (1.12.1884)
Date
1884-12-01
Page
Seite 268 (sequence 2)
Language
German
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268 nachdem mit der Zeit die Flamme des Zornes in seinem Herzen erloschen und dafür das Licht ruhiger Besonnenheit in seine Seele eingekehrt war, als ein liebender Bruder ihm entgegen und Jakob selbst, wie war sein Gemüt so freudig bewegt, da er die Schaar seiner Lieben überschaute, die mit solcher Treue und Anhänglichkeit ihn umgaben! Ganz klein, ruft er zu Gott, erscheine ich mir gegenüber der so überaus großen Gnade, mit der du mich behütet hast, zu klein ist all' mein Dank für die zahllosen Wohlthaten, die du mir erwiesen, für die grenzenlose Vatertreue, in der du mich geleitet hast. Ich blicke zurück in meine Vergangenheit, welch' ein Unterschied zwischen dem Einst und dem Jetzt! Mit dem Wanderstock in der Hand bin ich einst über diesen Jordanfluß hinübergezogen, mußte allein, ohne Helfer und Führer, über reißende Ströme mir ineine Wege bahnen und nun kehre ich zurück und stehe doppelt gesegnet da, froh meines häuslichen Glückes, froh über meinen ehrlichen Besitz. Jakob hat nun fast schon Alles erreicht, was ihm am Herzen gelegen war, er ist dem Ziele seiner Wünsche ganz nahe gekommen, er hat die weite beschwerliche Wanderung beendet und nur wenige Schritte trennen ihn noch von dem geliebten Boden seiner Heimat, auf welchem die Seinen alle bereits glücklich angelangt sind. Er ist allein am jenseitigen Ufer des kleinen Baches, der die beiden Grenzgebiete von einander scheidet, noch zurückgeblieben, da — welch' ein Schrecken! — die Nacht ist hereingebrochen, von schwarzer Finsternis sind Himmel und Erde verhüllt, ein schauerliches Schweigen bedeckt die Gefilde, eine unheimliche Gestalt steigt empor, ein Krieger, gehelmt und geharnischt, stellt sich vor Jakob hin, stürmt auf ihn ein, greift ihn an und läßt ihn nicht los, ringt und kämpft mit ihm, bis die Morgensonne an dem Himmel emporleuchtet und will auch dann noch nicht von ihm weichen. Wer war dieser Krieger in der Finsternis? wer war dieser unbekannte Feind, von dem Jakob so heftig angegriffen wurde? Die Thora nennt ihn einen Mann, der Prophet Hosea einen Engel, es sei die in der Seele des rachgierigen Esau wirkende böse Kraft gewesen, die hier dem Jakob in Menschengestalt entgegentrat, oder die himmlische Vorsehung, die ihn daran erinnern wollte, daß auch an der Schwelle des Glückes Unheil und Verderben nicht ferne seien, meinen die alten Schriftgelehrten. Ja, wie Laban und Esau verwandelt sich schließlich auch dieser Feind und Angreifer in einen Freund, der mit Worten des Segens sich von Jakob verabschiedet, ihn ehrt und rühmt, ihm zuruft: Du sollst nicht mehr Jakob, ein unterliegender Ringer genannt werden, sonder» Israel, ein mit Gotteskraft ausgerüsteter Sieger, denn du hast mit Göttern und mit Menschen gekämpft und hast deinen Kampf bestanden. Ein tiefsinniges Wort, das diesen ganzen Vorgang beleuchtet, das in diesem Bilde aus Jakobs Leben ein bedeutungsvolles Vorbild der Bestimmung und Geschichte Israels uns erkennen läßt! Alles ist erreicht, aller Haß scheint geschwunden, aller Kampf beendet, der Fortbestand Israels für die Zukunft gesichert zu sein, aber es ist noch Nacht, und so lange von den Gefilden der Geisteswelt die Finsternis nicht gewichen, der volle Morgen der Erkenntnis der Wahrheit nicht angebrochen ist, stehen noch schwere Kämpfe bevor. Die Finsternis ist Israels Feind, in ihr kann der verfolgungssüchtige Geist Esau's, der, wie man meint, sich schon in aufrichtige Bruderliebe verwandelt haben muß, noch immer in neuer drohender Gestalt hervortreten, der Wahn vergangener Zeiten leicht wieder Boden finden und die Gewalt, die Recht und Freiheit unterdrückt, wieder kühn ihr Haupt erheben. Mit deinem Ringen nach irdischen Gütern kannst du, wenn dir dadurch auch noch so viele Erfolge erzielt werden, deine Feinde nicht wehrlos machen und alle deine Macht kann dich nicht retten, wenn sie

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