Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1884)
- Date
- 1884-11-01
- Page
- Seite 260 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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260 zerreißen, das seit Jahrtausenden die gesammte Judenheit umschlungen hat. An einem und demselben Stamme haben mehrere Zweige Platz, allen wird Nahrung aus derselben Wurzel und alle dienen zur Zierde lind zum Schutze. Die Res. Synagoge soll es darthun, daß die jüdische Religion geeignet sei, sich von der Kultur des Westens durchdringen zu lassen und sie soll das Heilmittel sein gegen den immer mehr um sich greifenden, alle Religiosität tötenden Jndifferentismus, der zumeist aus dem Widerspruche zwischen Lehre und Leben entspringt und noch genährt wird durch die Aufrechthaltuug von Formen, die das gebildete Gemüt verletzen. Der Zwiespalt in km Herzen der Kinder soll beseitigt werden, die in der Religionsschule als Gottes heiliges Gebot gelehrt bekommen, was zu Hause übertreten wird und ihnen die Eltern ini Lichte der Sündhaftigkeit erscheinen läßt. Die positive Religion, die für die Erziehung der Jugend so notwendig ist, muß eine dem Herzen der Jugend zugängliche sein. Durch eine radikale Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes soll auch das weibliche Geschlecht sein liebes Heim vor dem Altäre Gottes finden, in ihm soll wieder das religiöse Selbstbewußtsein erwachen, das bei der ihm bis jetzt im Gottesdienste angewiesenen passiven Stellung nicht zur Geltung gelangen kann. Die Frauenwelt muß für die Religion gewonnen werden. Ein Ende erreichen sollten gesetzliche Schranken, die in uralten Familien-, Rechts- und Gesellschaftsverhältnissen, sowie in der Institution einer erblichen Priesterschaft wurzelnd, für uns alle Bedeutung verloren haben. Im Gottesdienste soll die herrschende Landessprache, zumal es auch nicht gegen den Geist des Talmuds und des Ritualkodex ist, stark hervortreten, jedoch darf das hebräische Idiom aus dem Religionskultus nicht ausscheiden, schon aus Pietät gegen das heilige Erbe und im Interesse der konfessionellen Zusammengehörigkeit. Das Hebräische ist und bleibt nach .wie vor die synagogale Sprache. Wenn man auch nicht in allen Punkten dem Programme der reformierten Synagoge beipflichten kann, so wird man doch keineswegs verkennen, wie sehr es an der Zeit sei, ernstlich an eine gesunde Umgestaltung des gegenwärtigen Judentums heranzugehen, denn das läßt sich nicht leugnen, Schäden sind da und die heute grassirende Pseudo¬ oder Neuorthodoxie, der mehr oder weniger Alles verfallen ist, wird dem Judentume zu seinem alten Glanze nicht verhelfen. Es muß von innen heraus eine lebendige innerliche Bewegung kommen und die heiligen Glaubensgüter, die Geist und Herz erfreuen, müssen wieder zu ihrer Geltung gelangen, soll Israel, das Fundament des sittlichen Weltbaues, auch einst das Gebäude krönen. Nur weil diese Erkenntnis noch nicht durchgedrungen ist und in den meisten Geistern noch nicht einmal dämmert, wird Versuch auf Versuch gemacht, und selbst die ernstesten Stimmen verhallen wie Rufe in der Wüste. — Unter den Juden in Mdruhland, deren moralischer und materieller Stand ein höchst mislicher ist, zeigt sich eine nationaljüdische christgläubige Bewegung, deren Seele der jüdische Advokat Äaseph Nabinoivih ist, (Vrgl. hierüber Schriften des Institutum Judaicum in Leipzig Nr. 4. Dokumente der national-jüdischen christgläubigen Bewegung in Südrußland im Original und deutscher Uebersetznng mitgeteilt von Franz Delitzsch.) Auch ein Zeichen der Zeit und eine ernste Mahnung, daß wir Hand anlegen und Thätigkeit entfalten, ehe daß es zu spät sei! — Aus Ungarn sind manche erfreuliche judenfreundliche Kundgebungen zu verzeichnen. In Budapest hielt am 26. August Inspektor ®l)copljit Labinyi bei Eröffnung der Sitzungen des Kirchenkonvents des Montandistriktes A. C. eine Eröffnungsrede, in der er sich gegen den Antisemitismus folgendermaßen aussprach: „So müssen wir insbesondere dann unsere Stimme erheben, wenn die brüderliche Nächstenliebe angefochten