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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-11-01 · Heft 11 (1.11.1884) · p. Seite 252

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 11 (1.11.1884)
Date
1884-11-01
Page
Seite 252 (sequence 10)
Language
German
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252 Nächstenliebe lauten: a) Von Hillel, welcher sich gegenüber einem Heiden, der als solcher im Egoismus und Barbarismus groß gezogen wurde, in negativer Weise aussprach: „Was Dir verhaßt ist, thue auch Deinem Nebenmenschen.nicht!" (Talmud B. Traktat Sabbat 31a); welcher Ausspruch als der Inbegriff aller moralischen Pflichten ans der Thora nur auf 3. Mosis 19, 18 (vgl. dam. 35; 34) basiren konnte. — b) Von Rabbi Akiba, welcher in positiver Weise bte Mosaische Vorschrift „Du sollst Deinen Nebenmenschen lieben, wie Dich selbst!" als den Inbegriff aller wahren Moral und Religion betrachtet (Talmud J. Traktat Ned. 9, 4). — c) Damit nun diese biblische Vorschrift nicht einseitig aufgefaßt und nur auf Glaubens- und Stanimgenossen bezogen werde, fügt Ben-Assai hinzu: Daß die biblische Genealogie (1. Mos. 5, 1 rc.), wonach die ganze Menschheit von Adam abstamme, jenen Inbegriff noch deutlicher ausdrücke (f. Talmud das.), da nunmehr hinsichtlich der Pflichten der Nächstenliebe kein Unterschied zwischen einem und dem andern Menschen geniacht werden darf! Diese Aussprüche der ersten und größten Schriftgelehrten im Judentum werden darum nachträglich angeführt und erläutert, weil in jüngster Zeit nicht nur die Professoren Gildemeister und Ecker rc., sondern auch Professor Strack behaupten, daß die allgemeine Nächstenliebe in jener mosaischen Vorschrift nicht enthalten sei — während doch im selben mosaischen Kapitel (III, 19, 34. u. 35) die Menschenliebe auch gegen Fremde, also nicht blos gegen Religions- und Stammesgenossen ausdrücklich geboten ist — und daß selbst der edle Menschenfreund Hillel, der Alte, und sogar Rabbi Akiba dieselbe nur auf Glaubens- und Stammesgenossen bezogen hätten, während doch letzterer in der ältesten Mischna „der Sprüche der Väter" (Traktat Aboth 3, 18) lehrt: „Der Mensch (Adam) ist vom Schöpfer vor allen andern Geschöpfen auf Erden bevorzugt worden, indem er mittelst des ihm innewohnenden vernünftigen Geistes in Ebenbildlichkeit Gottes geschaffen wurde; und aus besonderer Liebe zum Menschen ward ihm dies in der göttlichen Lehre (Thora) kundgethan", auf daß er sich bestrebe, immer vollkommner zu werhen und somit der Unsterblichkeit seiner „zum ewigen Leben bestimmten Seele" (vgl. Hz. 1. M. 2, 7.) sich würdig niache! R. Akiba leitet also die Allgemeinheit der Pflicht der Nächstenliebe, gleich Ben-Assai, aus demselben Capitel der Schöpfungsgeschichte ab, indem er daraus die Gleichstellung der vernunftbegabten Menschen vor Gott constatirt! Noch sonderbarer ist die weitere Behauptung des Herrn Professor Strack, daß die Pflicht der allgemeinen Menschenliebe zuerst von Jesu gelehrt wurde. Jesus lehrte circa 60 Jahre später als Hillel, aus dessen und seiner Nachkoinmen Gelehrtenschule er hervorging, und wußte darum recht wohl, worauf der alte Hillel seinen Ausspruch gegenüber dem Heiden, welcher die ganze Lehre Mosis in einem Hauptgrundsatze zusammengefaßt wissen wollte, gegründet habe. Als er darum von den bessern Pharisäern aus jener Schule gefragt wurde, welche die wichtigsten Vorschriften im Mosaischen Gesetze seien, antwortete er: „Die wichtigste Vorschrift sei: „„Der Glaube an den einzigen Gott!""*); und das nächste ebensowichtige Gebot sei: „„Liebe Deinen Nebenmenschen wie Dich selbst!"" Wahrlich unsre alten Talmndisten hatten recht, lvenn sie sagten, daß die Gehässigkeit (der sog. Antisemiten) die Linie des geraden Denkens und Forschens selbst bei Gelehrten verdreht und verwirrt! *) Nicht blos wir Juden, sondern auch viele denkglaubige Christen wissen die spätere Entwickelung des Christentums gegenüber diesem von Jesus selbst anerkannten Dogma wohl zu beurteilen! Laxionti sat!

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